Eine Entschuldigung

Aus deeply really truly bin ich herausgegangen und war mir nicht sicher, wie ich das finden sollte. Das war schon ziemlich gut gemacht: die Performerinnen hatten eine unglaubliche Präsenz, wirkten souverän, wussten, was sie da taten, Timing stimmte, charmant war’s. Aber Begeisterung stellte sich nicht ein. Eher ein gleichgültiges Gefühl. War gut, schick ausgeführt, hatte aber nichts mit mir zu tun.

I want to say to each of you, simply and directly, I am deeply sorry for my irresponsible and selfish behavior I engaged in.

Ok. Passt. Was soll ich dazu noch sagen. Entschuldigung angenommen.

Ähnliches Gefühl.

Ein weißer Raum, eine Rückwand aus weißem Tanzboden wird an Seilen hochgezogen, Fotostudio-Feeling. Eine der Performerinnen stellt sich davor auf, schaut ins Publikum, mp3-Player an, Text über Kopfhörer nachgesprochen. Kurze Pause, nächster Text.

The only thing I wanna say is that I am sorry. I know that might not sound like much but I’m truly, and I am sorry from the bottom of my heart. This is not typical of me. I don’t know what happened I can’t explain it, but… I know it’s not a lot, but that’s all I can give.

Gut, was soll man auch noch mehr machen. Entschuldigung reicht. Hinstellen und aufsagen reicht. Darum geht’s ja auch. Es geht nur darum, dass es gemacht wird. Challenge ausgeführt, abtreten.

Öffentliche Entschuldigungen sind geplant. Sie müssen aus- und aufgeführt werden. Die Inszenierung muss stimmen, das Gesagte sollte überlegt und annehmbar sein. Man kann es ernst meinen, oder eben nur so tun. Wirkt trotzdem, irgendwie. Der Akt als solcher scheint nicht kompliziert. Könnte jeder machen und müssen auch viele machen.

Aber dann gibt es Momente, die irritieren. Die Stimme geht an seltsamen Stellen hoch. Die Körpersprache scheint nicht zu passen. Das Gesicht wirkt merkwürdig verzerrt. Eine Pause zu viel oder zu lang. Interessante Stille. Die Emotionen kochen über. Es scheint ernst gemeint.

When the dark midnight is over watch for the breaking of day. Let me hope that this day and this debate … – excuse me -… a new dawn for all those who fear that the dark midnight might never end.

Ernst gemeint? Was will das eigentlich bedeuten? Gut gemacht, könnte man sagen. Das würde es eher treffen. Aber es gibt auch schlecht gemachte Entschuldigungen.

Ich will natürlich besonnen, objektiv neutral, mit Distanz als Bundespräsident agieren und ich möchte vor allem Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Presse- und Meinungsfreiheit haben und hab offenkundig mich in dem Moment eher als Opfer gesehen als denjenigen, der Bringschuld hat, gegenüber der Öffentlichkeit Transparenz herzustellen und auch berechtigte Fragen zu beantworten.

Wann jedoch ist eine Entschuldigung ernst gemeint, oder gut gemacht? Warum und vor allem wie sollte man Entschuldigungen bewerten. Und gilt das für andere Performances auch? Das Gute an deeply really truly ist nicht nur die Souveränität, mit der die Entschuldigungen vorgetragen werden, sondern die Souveränität, mit der irritiert werden kann. Hier wird nicht entschuldigt, hier wird nicht geweint, hier gibt es auch keine Adressat_Innen, die eine Schuld absprechen. Der Körper ist so kontrolliert wie möglich, der kaputte mp3-Player ist minutiös ins Konzept eingearbeitet. I am really sorry. Das über Lautsprecher eingespielte jubelnde Publikum verzerrt sich bis ins unkenntliche Rauschen, das im Raum steht und beobachtet werden kann. Die Entschuldigungen, die keine sind, stehen im Raum und können beobachtet werden. Die Sprache wird so schnell, dass man sie nicht mehr verstehen kann. Der Akzent ist zu stark, dass man nur Bruchstücke versteht. Das Licht geht aus. Ein sich per Youtube-Video entschuldigender Laptop wird zugeklappt.

And the apology continues. We know you have suffered enduring effects from these practices forced on you by others. For the loss, the grief, the disempowerment, the stigmatisation and the guilt – we say sorry.

Sich wie Spinnentiere bewegende Körper nehmen den Raum für Entschuldigungen ein. Das Publikum fotografiert fleißig, während die Performerinnen kopfüber ihr Hinterteil eben diesem zeigen. Fast schon obszön wirkt das. Entschuldigungen hingegen sind nicht obszön, sie sind für die Szene, für die Bühne gemacht und genau da gehören sie hin. Das einzige, was obszön bleibt, ist das, wofür sich entschuldigt werden soll. Das gehört nicht mehr hier hin, das ist für den Akt der Entschuldigung auch nicht mehr so wichtig. Die Entschuldigung ist das, was aufgeführt wird, danach ist alles gut oder eben nicht, das bleibt jedem_r selbst überlassen.

Die Aufführungen von Entschuldigungen und deeply really truly kommentieren sich gegenseitig. Es geht weder um deeply noch um really oder um truly; zumindest scheinen das nicht die Kategorien zu sein, die hier angewendet werden können. Es geht auch nicht um eine Bewertung. Denn wie soll noch bewertet werden, wenn der Ausführung nichts entgegenzusetzen ist. Das kann man dann nur noch hinnehmen. Lob oder Ablehnung bringen nichts, außer vielleicht neue Entschuldigungen.

Das Verzeihen ist ein politischer Akt, der die Unvorhersehbarkeit von Handlungen im Nachhinein bändigen kann, ebenso wie das Versprechen im Vorhinein. Aber bei deeply really truly geht es weder um Vorhinein noch um Nachhinein. Hier geht es um den Akt, der ein Vorhinein und ein Nachhinein erst möglich macht: die Entschuldigung. Die Entschuldigung wird zu einem politischen Zwischenereignis, das eigentlich niemand braucht aber dann doch durch die Aufführung so wichtig erscheint. Ebenso wie andere Performances vielleicht auch.

 

Am Ende stehen dann nur noch die letzten Worte.

Through your courage and your grace the work of healing can begin.

Ok. Wird gemacht.

We and the entire industry will learn from this terrible event and emerge stronger, smarter and safer.

Musste gesagt werden.

Thank you very much. I will not be taking questions. Thank you very much.

Warum auch Fragen annehmen, wurde ja alles gesagt.

Starting tomorrow, I will leave for more treatment and more therapy.

Viel Erfolg.

And let us resolve here and now move forward together.

Auf geht’s.

Wir stehen vor großen Aufgaben in unserem Land, in Europa und in der Welt und ich will meinen Beitrag dazu leisten.

Ich meinen auch.

And there you have it.

Danke.

I think this is a fine day.

Bis morgen.

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