Sonntag

Catherine sitzt mir gegenüber. Wir lächeln uns an. Ich habe Lust mich mit ihr zu unterhalten. Es ist das erste Mal, dass wir Gelegenheit dazu haben, obwohl wir uns schon öfter begegnet sind in den letzten Tagen. Der Raum, in dem sie sitzt ist vollkommen leer geräumt. Niemand außer Catherine und ihre unzähligen Reiskörner scheint in diesem Raum jemals gewesen zu sein. Sie wirkt nicht einsam, sie wirkt eher entspannt, konzentriert und froh mich zu sehen. Ich habe tausend Fragen. Sie liegen in einer großen Porzellanschüssel vor mir. Glatt, weiß und dicht an dicht füllen sie die Schüssel und meinen Kopf bis zum Rand. Eine nach der anderen nehme ich vorsichtig mit der Pinzette auf, betrachte, beschreibe und drehe sie hin und her. Catherine tunkt sie ein in tiefes Schwarz, in einen dichten Mantel aus Tinte und verabschiedet eine bedachte Antwort. Meine Fragen kleben jetzt beantwortet am Boden einer zweiten, kaum gefüllten Schüssel und trocknen auf dem weißen Porzellan. Mickrig und unordentlich liegen sie wie Kieselsteine nebeneinander und ziehen schwarze Spuren hinter sich. Überall Kleckse, winzige Explosionen. Die Regelmäßigkeit und Ruhe ihres Ursprungs liegt im Chaos zerstreut.

 

Catherine erzählt mir von ihrer Heimat, von China. Die Schwierigkeit aus China ausreisen zu können und nun, als kanadische Staatsbürgerin, wieder einreisen zu dürfen. Wir sprechen über Pressefreiheit und über chinesisches Google ohne Einträge zu Pornographie. Über die Unmöglichkeit homosexueller Partnerschaften in China. Über einen mächtigen Mann, der auf einem Stuhl sitzt.

 

Catherine sitzt mir gegenüber. Wir lächeln uns an. Ich habe Lust bei ihr etwas Zeit zu verbringen. Es ist das erste Mal, dass ich ihr einige Minuten gegenüber sitze, obwohl wir uns schon öfter begegnet sind in den letzten Tagen. Der Raum, in dem sie sitzt, ist vollkommen leer. Niemand außer Catherine und ihre unzähligen Reiskörner scheint in diesem Raum jemals gewesen zu sein. Sie wirkt nicht einsam, aber froh mich zu sehen. Leise raschelt die Sanduhr. Eine Sekunde um die nächste nehme ich mit der Pinzette auf, halte sie zwischen den silbernen Zeigern fest. Ich betrachte das makellose Korn und lasse es aus Versehen fallen, sodass nur ein Geräusch auf dem Fußboden zurück bleibt. Klick, klick, klack. Ein weiteres Mal versinkt das Korn in dem Tintenschälchen vor mir. Ich versuche die verlorene Zeit am Grund des Tintensees aufzuspüren, aber es gelingt mir nicht. Unruhig stochere ich in dem schwarzen Gewässer herum, während auf Catherines Seite nahtlos der Tag in die Nacht übergeht.

 

Ich verbringe Zeit damit, über die Tradition des Reisschälens nachzudenken. Tag und Nacht. Gibt es die überhaupt? Ich weiß kaum etwas über China und die Kultur dort, fällt mir auf. Ich phantasiere mir naive Szenen zusammen, aus Filmen und Karrikaturen. Frauen, die Reis schälen. Ich wundere mich wie Catherines Zeit mit den Reiskörnern vergeht. Plötzlich klingelt mein Telefon und ich werde losgerissen. Schon kommen die ersten neugierigen Besucher herein und ich verlasse den Raum. Ich habe wohl laut geträumt.

 

http://akaritaste-blog.com/2012/11/01/vollautomatisch-reis-schalen-klar/

 

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