Erfahrungen mit Nr. 04 und 05

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Ohne ein anderes gehört zu haben, stellt sich schon die Überzeugung des Lieblingshörstücks Nummer fünf (Il Tempo Cambia) ein. Was soll danach noch kommen?
I Ching ist immer wieder das Mittel der Wahl für fremdartige Offenheit, nicht nachvollziehbare Logik und non-intentionale Kombination. Hier wird es eingesetzt als Gegenpraxis zu Narration bzw. als neue Narrationsform ohne Erzählinstanz. Im Falle des Hörstücks gibt es daher keine eine Narration illustrierenden Töne zu hören, die als Unterordnung des Sounds unter den Text / die Fabel verstanden werden können. Alles Gehörte stellt sich gleichwertig her, ganz im Sinne der Brechtschen Gleichberechtigung der Elemente. Viel Chinesisches, diverse verschiedene Musik, Klänge und Geräusche, Sprachfetzen wie aufgeschnappte Happen eines von anderen geführten Telefongesprächs: The Time Changes. Könnte ewig so weitergehen, eine endlose Abfolge von immer wieder neuen Tönen, die immer wieder neue Assoziationen hervorrufen und am laufenden Band in alte und neue Vorstellungswelten versetzen. Die einzelnen Schnipsel sind dabei recht kurz, so dass Nervendes ebenso wie Gefälliges kontinuierlich abbricht, um anderem Entstehungsraum zuzugestehen, einzuräumen.

Trotzdem ist die sich dazu entfaltende Legolandschaft von vorn herein strikt zentralperspektivisch angeordnet, die mich als Souveränin des Blickes setzt; ein gutes Gefühl, endlich einmal etwas nur für sich selbst entstehen zu lassen, gleichermaßen von sich selbst bestimmt (soweit das eben geht). Aus der Freiheit zu assoziieren entsteht die Baulust nach nur von sich selbst abhängiger Wahl. Irgendwann merke ich, dass das Hörstück schon wieder von vorn begonnen hatte. Die Inspiration des Tons für den Bau, die Abschottung durch die und in der eigene(n) Hörwelt und vor allem auch die Baukonzentration sind eine wirksame Unterbrechung allen Zeitflusses und aller anliegenden Anforderungen, ein geschäftiges Innehalten.

Das vorgegebene Set der Steinesammlung und die vorgegebene Fläche der Bauplatte begegnen den bauend Hörenden und hörend Bauenden als deutliche Setzung, zu der sich verhalten werden kann, mit der alle umzugehen haben: ohne Grenzen keine Grenzüberschreitung. Es entwickeln sich aber beim Bau unter Umständen architektonische Vor-Stellungen und sich daraus ergebende Wünsche nach bestimmten Baumöglichkeiten, wie etwa konkrete Teile, Formen, die daraus gemacht werden sollen. Für die Grübelei über die erfolgreiche Umsetzung der Vorstellungen läuft mitunter der Ton zu schnell (besonders bei Nr. 5; schneller Wechsel der recht kurzen, einzelnen Audioclips bringt ständig neue Bedürfnisse hervor und lässt andere vergehen: the time changes eben). Die Erfahrung des Nicht-Hinterherbauen-Könnens hilft dabei, eine andere, freiere Bau-Ökonomie zu entwickeln, nicht momentan gedacht, sondern übergreifend.

Und außerdem: Das heutige Lego! Die Augenbrauen! Wie sie die altbekannten Mimiken verändern, die kindliche Neutralität und grenzenlose Wandelbarkeit geht ihnen damit verloren. Jetzt sehen sie dauernd so aus, als hätten sie intentionale Hintergedanken, kleine, verwegen-gewiefte Vorhaben, ein Wissen, das sie nicht mit denen teilen, die sie bespielen. Plötzlich auch diese Vielfalt der Steine, es gibt jetzt Seile, sogar Blümchen, Goldstücke (war das nicht eigentlich ein Playmobil-Attribut, und war deshalb nicht Lego so viel variabler, weil nicht von vorn herein so festgelegt, als was es fungieren soll?), merkwürdige Teile, deren Funktionsmöglichkeiten im Dunklen liegen wie Dreh-/Kippmechanismen, Schläuche und Kabel, die nirgendwozu passende Verbindungen aufweisen. Das I Ching also lieber mit einem historischen Lego-Bausatz bespielen?
Bei all dieser Lego-Diversität (haben die also jetzt auch schon Diversity-Beauftragte?) bleiben aber die typisch legoanischen Erfahrungen erhalten: z.B. gesuchte Teile sind nie im zu durchwühlenden Haufen vorhanden oder immer eins zu wenig. Wenigstens haben die Teile auch ihren charakteristischen Klang, den sie beim Durchwühltwerden absondern, beibehalten.

Stück Nr. 4 (Der störrische Traum vom Paradies) lässt mich später am Tag fragen, ob immer alle die eigene Welt bauen – ob nun hier auf der Lego-Bauplatte oder die aus-ein-gewanderten aus Tirol und dem Rheinland ihr Pozuzo in Peru. Hier beginnt besonders die Darstellung des/der Anderen irgendwann zu nerven, da nur aus der Perspektive der ,Conquistadores‘ erzählt, welche dabei deutliche naiv-süßliche Opfertendenzen im Ausgesprochenen und Nacherzählten äußern. Die eigene, stark illustrierende Bauweise sagt mir: Meine Phantasie bleibt hier unangeregt. Ich breche das ab, mein Bau ist weit vor dem Hörspiel fertig.

Dann frage ich mich, ob Bauen mit gehörtem Text sich so stark vom Bauen ohne Text unterscheidet, oder ob es einfach auf den Text ankommt. Das werden weitere Bau-Erfahrungen zeigen.

P.S. I Ching des Tages:

Thunder beneath the Lake’s surface.
The Superior Person allows himself plenty of sheltered rest and recuperation while awaiting a clear sign to follow.
Supreme success.
No mistakes if you keep to your course.

SITUATION ANALYSIS:
Thunder from the Lake — the lulling, rhythmic roar of the faithful tide, eternally wearing away the stone of the shoreline, forever obedient to the phases of the moon.
The pull of the moon on the tide is the Following called for now.
As mighty as the tide is in its own right, it is ever the puppet of the invisible, irresistible gravity of the moon.
What cyclical forces pull you along?
Are you futilely attempting to resist a natural attraction?

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