Mittwoch

2Am Rande des Festivaltrubels der Eröffnung sitzt im Zentrum eine kleine Frau an einem Tisch vor zwei großen, weißen Schüsseln. Sie macht nichts auffällig, außer kleinen Bewegungen, die ich von weitem nicht zuordnen kann. Als ich nachdem ich erst einmal genug von den lauteren Performances habe, bemerke ich zwangsläufig, dass die Frau gerade immer noch bei der Arbeit ist. Sie ist ganz alleine, der Stuhl ihr gegenüber ist gerade leer. Ich nähere mich, sie schaut auf, zeigt ein sehr freundliches Gesicht, das mich mit einem „hello“ anlächelt. Quasi automatisch setze ich mich. Chun Hua Catherine Dong stellt sich vor, ich soll sie einfach „Cath“ nennen.

Ich beginne ihr zu helfen, wir bemalen Reis. Die eine Schüssel ist bis zum Rand voll mit weißem, kleinen Reis. Die andere ist noch fast leer. Wir nehmen jeweils mit einer Pinzette ein Reiskorn auf und bepinseln es mit schwarzer Farbe, dann klopfen wir es in die fast leere Schüssel ab. Klingt einfach und so beginne ich zunächst ein Gespräch, bis ich merke, dass meine motorischen Fähigkeiten noch lange nicht zum Multi-Tasking ausreichen. Meine Reiskörner fliegen quer durch den großen Raum. Cath lächelt und meint das wäre nicht schlimm. man gewöhne sich nach einer Weile an die Arbeit. Sie geht ihrer Performance-Aufgabe mit großer Gewissenhaftigheit nach. Sie ist nicht im Spiel, sie erfüllt einen Job. Als sie mir erzählt, dass sie alleine die Schüssel an den Tagen an denen sie vor Ort ist, nicht schaffen wird, klingt sie auch ernsthaft besorgt. Sie bleibt zwar freundlich, es wird aber klar, dass sie auf die Hilfe ihres Publikums angewiesen sein wird. Als ich nachfrage, ob sie es oft schafft, antwortet Cath kichernd: „No, most time I don’t succeed.“

Hourglass wird zu einer Performance, die sich großen Aufgaben mit kleinen Elementen widmet. Das Scheitern ist vorhersehbar, trotzdem wird emsig daran gearbeitet. Die kleine Dame gibt durch ihre Präsenz Möglichkeit zur Beobachtung, von sich selbst und von Helfenden. Sie ermöglicht es Menschen „bei der Arbeit“ zu sehen. Kunst, vor allem westliche, blendet nach wie vor den Prozess der Arbeit leider viel zu häufig aus, interessiert sich zu selten dafür. Hourglass füllt diese Lücke mit Ruhe, Respekt, Ausdauer und performativem Vorgang.

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