Fahrradtour ohne AG AST

Am Festivalzentrum erhalten wir einen Baumwollbeutel mit Material: Ein Fahrradflickset und einen Ersatzschlauch (die Pessimisten!). Eine Luftpumpe gegen platte Reifen ist ebenso wenig vorhanden wie ein Schraubenschlüssel, um tatsächlich den Reifen wechseln zu können. Dafür aber ein Stadtplan mit aufgeklebten Punkten für die Zielorte und eine laminierte DinA4 Seite mit Handlungsanweisungen.

Jetzt heißt es aber zunächst die Ungeduld besiegen und noch nicht die Aufgaben lesen, die anscheinend erst am Zielort ausgeführt werden sollen. Wir planen eine Route zur markierten Schrebergartensiedlung — es ist kein genauer Weg vorgeschrieben — radeln los und fahren dann unabsichtlich doch irgendwie anders als geplant. Ortskenntnis hätte von Vorteil sein können, ist jedoch bei uns nicht vorhanden. Mehrmals steigen wir ab, fragen Passanten, Jogger, Menschen die ihre Hunde ausführen. Blöcke von Schrebergärten liegen aneinandergereiht neben dem Weg, abgeschlossen, anonym und ohne Beschilderung. Entgegenkommende Radfahrer mit AG-Ast-Beutel geben uns neue Hoffnung, unser Ziel doch noch zu erreichen — doch ist deren Orientierungsvermögen notwendig vertrauenswürdiger als unseres?

An der Parzelle 108 angekommen lesen wir wie vorgeschrieben aus einem Hörspiel von Wolfgang Hildesheimer, das wir in unserm Reisegepäck finden. Wir lesen laut die Diskussion zwischen einem schrebergärtnernden Mann und seiner nörgeligen Frau. Jetzt sollten wir uns beobachtet fühlen, uns wie wilde Kunstliebhaber in der spießigen Schrebergartensiedlung fühlen. Immerhin tun wir doch demonstrativ seltsame Dinge, führen uns merkwürdig auf! Aber niemand beachtet uns. Kinder fahren Fahrrad, sind laut und in uns steigt allmählich der Gedanke auf, nicht die dort, sondern wir sind die Spießer. Als nächstes sollen wir rauchen. Mit dem Rauch den Raum erschließen oder so ähnlich. In unserer Ausstattung finden sich weder Zigaretten noch Streichhölzer. Der Raum bleibt also unberaucht und anderweitig zu erkunden.

Obwohl nicht in der Handlungsanweisung vorgesehen gehen wir in den Garten, suchen nach Spuren, die AG-Ast hier hinterlassen haben könnte. Ein Weg aus Betonplatten, eine Holzhütte mit Gartenstühlen davor. Durch die Fensterscheiben sieht man einen blauen Pullover über einem Stuhl im Inneren der Gartenlaube hängen. Im Garten selbst, kurz gemähter Rasen, aber mit ein wenig Klee drauf – so haben wir uns den verwilderten Schandfleck der Gartenkolonie aber nicht vorgestellt! Eine Destille oder einen Obstbaum, der als Rohstofflieferant für den berüchtigten 108er gedient haben mag, suchen wir vergeblich. Von den angeblich hier so zahlreich durchgeführten Experimenten, Übungen, Schelmenstreichen fehlt jede Spur. Auch andere radfahrende Besucher, die vor uns dort waren, haben offenbar nichts hinterlassen oder hinterlassen können.

Wir sind schon recht enttäuscht, nachdem sich die AG-Ast am Abend vorher in kleiner Runde so angenehm vorgestellt hatte. Ein wenig mehr von dem Projekt und der behaupteten Intervention in den Stadtraum hätten wir schon erwartet. Die beschrieben Übungen seien die Gleichen wie bei den geführten Stadtrundfahrten, weiß Frieda, die bereits an einer solchen teilgenommen hat.

Wir beschließen zu schummeln, machen es uns auf der Terasse gemütlich und lesen die Handlungsanweisungen für das zweite Ziel der Fahrradreise, einen Wohnkomplex  fernab der Laube, im Sitzen. Sie bestehen aus einigen Übungen mit dem “Multi-Senso-Tuch”. Wir bemerken, dass wir die Tücher im Festivalzentrum vergessen haben und kommen zu dem Schluss, vielleicht auch ein bisschen erleichtert, weil wir einen handfesten Grund dafür gefunden haben, dass es besser sei die Reise an dieser Stelle abzubrechen und zum Festival zurück zu kehren. Vielleicht werden sich morgen ja ein anderer Fritz und eine andere Frieda finden, um unseren Weg fortzusetzen.

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