übertragungsvergebung, and there you have it!

Ein weißer Raum, ein grauer Streifen der sich um die Bühnenwände windet, es riecht nach frischer Farbe. Drei junge Frauen, gekleidet in braun, beige, und mattem grün stehen am Eingang und verteilen Programme. Darauf gedruckt: DEEPLY, REALLY, TRULY. eight takes on the rhetoric, pragmatics and poetics of Public apologies. Öffentliche Entschuldigungen sind also das Thema, heute Abend wiederholt und vor einer anderen Öffentlichkeit seziert und ausgebreitet. Klar strukturiert, Knochen für Knochen, ein formeller Zugang, schon vorbereitet durch die abgetippte Einteilung. Jeweils eine Performerin, mit mini-ipod, Knopf im Ohr, platziert sich auf der Mitte der Bühne vor dem aufgezogenen Boden der nun als zusätzliche Wand im Bühnenraum aufragt.(Die anderen warten auf den am Rand aufgestellten Stühlen.) Sie spricht nach was ihr offenbar vorgesagt wird, ein re-re-staging, aber wie! Tonfälle, Lautstärke, Melodieführung, Sprachduktus und Atempausen werden präzise nachvollzogen. Und daraus ergibt sich auch eine jeweils spezifische Körperlichkeit, die Schultern gehen hoch und nieder, ein Brustkorb wankt, Augen werden beglänzt, Lippen engagiert. Über dieses Nachvollziehen überträgt sich auch etwas durch die Performerinnenkörper das wohl kaum in der Rede niedergeschrieben war. Ich mag’s thematisch (aber das war ja schnell klar). Kluge Textauswahl, gutes Thema, sehr eindeutig. Ein stilvolles exercise grammaire, mit Ausdruck durchgearbeitet. Und dann doch, wie heimlich erhofft, ein Gefühlssinn der durchwühlt. Ein Betroffen-sein, das trotz des vielfachen Vorführeffekts seine Bahn gräbt. Und in Verbindungen um sich schlägt auch außerhalb der abgetippten Kategorien. Die Form, obwohl, oder gerade weil so klar gesetzt, lädt ein zur Übertretung.

Und trifft sich genau in diesem Verlangen nach Übergriffigkeit wieder mit dem Thema öffentlicher Entschuldigungen. Jemand berichtet nach dem erlebten Geschehen, wie es dazu kam. Belebt die darin erlebten Gefühle wieder, lässt sie zu, oder spielt diese zumindest wieder nach. Hofft in diesem Durchdrungensein, zu den Zuhörenden durchdringen, sie in die eigene Lage zu versetzen, nachvollziehen zulassen, betroffen zu machen. Ein erwünschter Nebeneffekt auch aufzuzeigen, wie sehr man als Täter_in selbst betroffen ist und mitfühlt mit denen, denen man (natürlich unabsichtlich, natürlich menschlich) Leid angetan hat. Pingpongspiel der Durchdrungenheit. Das Argument „I am a human being“, fällt in seiner Wiederkehr auf. Auf die allgemein als menschlich angenommenen Eigenschaft, Gefühle zu empfinden, als auch nachzuempfinden wird gehofft. An ein allgemeines Menschsein rhetorisch appelliert, das jedem und jeder verbindend inne wohnt und Verständnis, damit nicht nur für den anderen ausweist, sondern auch für sich selbst erfordert. Dadurch schwingt in den Entschuldigungen auch die Warnung mit, „es könnte dir genausogut passieren, sei vorsichtig in deinem Urteil“. Reagiert das Publikum nun betroffen, so offenbart es sich vielleicht ebenfalls als Träger_in dieser riskanten aber doch übergreifenden Menschlichkeit, zeigt die Durchdrungenheit des Täters/der Täterin an sich auf. Und das funktionierte auch am gestrigen Abend. Trotz drei- oder sogar viermaliger Übertragung: von Moment der Tat zur privaten Vorbereitung der Entschuldigung, von dieser weiter zum Nachvollzug des Vorganges in der Öffentlichkeit und wiederum der Transfer dieser Rede in den Aufführungszusammenhang und wenn man ganz genau sein will (und das will ich offenbar) dann von dort wieder über die Körper der Performerinnen an das Empfinden der Zusehenden.
Die Form wird als Mechanismus offenbar, als Übertragungsstrategie, die hinterrücks auf das eigentlich gefühlt werden wollen zurückführt. Es scheint unmöglich, Entschuldigungen, auch wenn sie noch so „public“ sein mögen, rein theoretisch zu performen. Große Themen wie Schuld, Unschuld oder Mitschuld werden angespielt und auch bei noch so distanzierter Haltung zu diesem Gefühlskonstruktskoloss blieb ein kleiner Genuss an der kathartischen Abstandnahme unvermeidbar. Eben an der kühlen Darbietung konnte Beruhigung gefunden werden, man wurde seiner eigenen Unversehrtheit angenehm versichert.

Als Form die Vergebung garantieren soll, wird der Entschuldigungsmechanismus übersteigert und letztlich in seiner Absurdität aufgezeigt, als eine der Performerinnen schließlich beginnt sich für alle nur denkbaren Gräuel zu entschuldigen, vom lebenslangen Hausarrest des Galielo Gallilei über die Entsetzen des zweiten Weltkrieges bis zu Bombardements ethnisch marginalisierter Gruppen. Lacher aus dem Zuseher_innenraum. Es ist absurd, dass diese drei Mädchen sich verantwortlich zu fühlen scheinen für diese irgendwie abstrakten Entsetzlichkeiten. Denn eigentlich sind nicht die Unglücksfälle das Absurde, sondern der bloße Versuch oder überhaupt die Annahme, durch sprachliche Formulierungen irgendetwas des real-gescehenen verbessern zu wollen, Eingriff zu nehmen im Nachhinein. Denn ein bisschen ist eine Entschuldigung auch als Einschreibung eines Selbst in bestimmte Zusammenhänge denkbar. Als persönliche Inanspruchnahme eines größeren Unheils, das tatsächlich keiner/m klare/n Schuldigen zugewiesen werden kann. Wie soll sich beispielsweise die 1961 geborene australische Premierministerin Julia Gillard für die erzwungenen Adoptionspolitiken von 1950 bis 1970 entschuldigen können? Wie kann sich ein Regierungschef für die tausend Todesopfer eines Militärangriffs als verantwortlich begreifen? Welchen Wert hat sprachliche Anteilnahme hier? Irgendwie sehe ich in diesem Bemühen der Versprachlichung des eigentlich Unsagbaren auch einen Versuch dieses wieder mit menschlichen Strukturen zu überziehen, das Entsetzliche einzudämpfen, einzugittern und sich so das beruhigende Gefühl von Kontrolle gegenüber dem Unkontrollierbaren vorzugaukeln. Vielleicht war das Lachen des Publikums eine Bestätigung eben dieses Unwohlseins.

Schön unwohl und atmosphärisch dicht erschien auch der sprachlose Teil, in dem die Performerinnen wie Insekten (oder vielleicht auch Äste oder Staub) gekrümmt unter dröhnendem Brausen am Boden in Erstarrung verharrten. Die Beine weit gespreizt, Hände und Füße vom Boden gestemmt, Köpf so tief in den Nacken, dass sie unsichtbar schienen, die Rücken zum Zerbersten gebogen. Posen die in ihrer Offenheit schockieren. Viele, teilweise erschütternde Assoziationen anheizend. Ich dachte an Schuld, die herausfordert, an Schuldzuweisungen wie „du hast es ja nicht anders gewollt“, die immer noch häufig und öfter weiblichen Opfern angelastet werden, an ein Provozieren und Verstecken wollen zugleich, in den Boden kriechen und verschwinden. Aber nicht können. Partout sich nicht auflösen können. Taube Schreckensstarre. Etwas das übermächtig wird. Und gleichzeitig an das Unangenehme zu offensiven Leidens.

Heulen erwartet, Katharsis again… Der vorletzte Abschnitt, „Apologies which made the speaker cry or which made the audience cry“ brachte Friedafritz schon nach dem ersten Lesen sozusagen in voyeuristische Abwehrhaltung. Durch den Titel angekündigt, wusste ich, was ich zu erwarten glaubte. Entweder ich (as part of the audience) oder die sprechende Performerin sollte laut Ansagetext zu weinen beginnen. Da es bekanntlich sehr schwer ist, Tränen glaubwürdig zu fälschen und Weinen ohne diese glaubwürdig zu vermitteln, stieg die Spannung ob der Fähigkeit zur Flüssigkeitsproduktion enorm. Friedafritz würde sich jedenfalls keinesfalls, von diesem Vorwort angekündigt, zu Rührung hinreißen lassen, so mein bestimmt gefasster Vorsatz. Für alle nun gespannten: Geheult worden ist nicht. Aber gerade in Bezug auf die erbaute Erwartungshaltung, vorsätzlich festgeschrieben durch die ausgeteilten Programmtexte, fand ich ein Nichteinlösen in diesem Fall auch am produktivsten. Die eigene voyeuristische Erwartungshaltung vorgeführt zu kriegen, aufzeigend welche Wirkung eine starke Rahmung schon auf die tatsächlich möglichen Emotionen während eines Geschehens hat (ganz zu schweigen von den nachfolgenden Rezeptionsprozessen), empfand Friedafritz gerade in Zusammenhang öffentlicher Entschuldigungen als klugen Zaunpfahlwink. Manchmal ist man doch schon durch die bloße Ankündigung einer Entschuldigung schon so gerührt dass es eigentlich egal ist, was diese/r dann tatsächlich sagt. Ist es nicht so? Deeply,really, truly?

Ebenso angenehm wie der Aufbau des Stückes (und ja, Friedafritz glaubt, dass es die Dauer braucht) auch der Abbau, die Emotionen werden mithilfe von Abschlussversatzstücken aus Endpassagen der Entschuldigungen langsam wieder abgekühlt. „And there you have it“.

Kurzfassung:

ausdruck, stil, medium, geruch nach farbe, überschwappend, atmend, klar, große ehefrauen, offensiv, weltumfassende entschuldigung, körperlich brutal, kleines kichern, präzise, summend, rauschend, boden erhebt sich, an fäden hochgezogen, weiß und grau, bloß gelegt, unterschiedliche english’es, auf der ebene kriechend, reinwaschung „ich bin eigentlich besser“ als entschuldigung?, wie insekten, unabsichtlich zwischendurch, erhebend?

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