Rocky Dutschke

Erster Tag, erster Bausatz, also picke ich mir in der „Menü“ betitelten Hörspielauswahl konsequenterweise die Nummer Eins heraus, Christoph Schlingensiefs „Rocky Dutschke“, für Nicht-Hörspiel-Experten ohnehin der Titel mit dem größten Wiedererkennungswert, weil eigentlich ja gar kein Hörspiel erstmal, sondern erstmal eine Volksbühnen-Inszenierung. Dazu erhalte ich einen kleinen Karton mit lauter Legosteinen, die auf den ersten Blick nichts Bestimmtes vorgeben und sogar ein paar „viel zu große“ Duplo-Steine. Mit denen fang ich gleich mal an, nachdem ich den MP3-Player gestartet habe. Im Ohr sogleich ein fröhlich anarchischer Mix aus einer falschen WDR-Aufzeichnung, Trinkliedern, Geschreie und Gebrüll, irritierenden Parolen und einem mehrmals wiederkehrenden, kontrapunktisch eingesetzten Otis Redding, der locker-fröhlich „Dock of the Bay“ wiedergibt. Das Hörspiel stürzt los mit einem Helge-Schneiderschen-Trash-Größenwahn, der mich direkt animiert einen möglichst hohen Turm zu starten. Als ich vom Tisch aus sitzend fast auf meiner Gesichtshöhe angelangt bin, ist der Größenwahn schon längst in kalkuliertes Chaos aus sich anfeindenden Studiogästen und hintersinnigem Blödsinn, der zwischendurch eingespielt wird, übergegangen. Deshalb lässt mein Interesse auch nach, möglichst hoch zu bauen und ich will lieber unvorhersehbarere Konstellationen aus den bunte gemixten Teilen und Bauklötzen schaffen. Also konstruiere ich schräge, bewegbare Kombinationen aus möglichst unterschiedlichen Teilen, die in alle Richtungen wabern dürfen. Das erfordert bei Legotürmchen, gerade wenn sie gegen ihren vom Entwickler vorgedachten Willen zusammengeworfen werden, vor allem Geduld und Zeit. Zum Glück habe ich letztere, weil das Hörspiel ohnehin 50 Minuten dauernd. Und es schafft es mühelos, diese mit Spannung zu füllen. Die Schlingensiefsche neurotische Unlogik erscheint mir dabei beim Bauen auf einmal ganz natürlich zu sein, ja sogar unabdingbar. Ich erkenne wiederkehrende Motive nicht nur im Geblödel, Kritisiere und Gebrüll, sondern auf einmal auch in dem bunten Gebilde vor mir aus Rädern, halben Brückenpfeilern, Stangen, Klötzchen, Säulen und Winkeln etc. Christophs Konstrukt und meins verschwimmen, ich merke wie ich immer öfter kichere und weiß nur noch selten ob ich mich so über das auf meinen Ohren, an meinen Händen oder in meinen Augen freue. Am Ende habe ich zwar immer noch nichts gelernt über „die Wahrheit von Berlin Alexanderplatz“, die deutsche Wiedervereinigung, oder gar Architektur, aber ich habe einer Drogen-Erfahrung nicht unähnlich das Gefühl gehabt BEGRIFFEN zu haben. Und was begriffen? ALLES. UND NICHTS. Selbstredend ist diese Erfahrung überhaupt nicht intersubjektiv vermittelbar und danach bleibt nur die Gewissheit, dass ich es erlebt habe.

Steiler Einstieg für den ersten Versuch, dann hoffe ich mal ganz im größenwahnsinnigen Geist, dass meine zweite Bausatz-Erfahrung noch mal eins drauflegen kann.

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