Donnerstag

1Heute kommt FriedaFritz, unsere kollektive Blogger-Identität, leider nicht dazu sich zu Cath zu setzen und zu helfen. Man kann sie zwar öfter sehen, wie sie mal allein, mal mit redendem Publikum, an ihrem Tisch sitzt, aber irgendwie ergibt es sich einfach nicht heute. Aber das scheint nicht schlimm für sie zu sein. Das eine Mal, dass ich am Donnerstag ihren neuen Raum betrete, in dem gestern Clarenville zu sehen war, ist sie gerade im Gespräch mit einer Zuschauerin, die ihr gegenüber sitzt. Obwohl sie mich ja nur ein Mal vorher gesehen hat, schaut sie von ihrem aktuellen Reiskorn auf, lächelt breit und erkennend, begrüßt mich, „nice that you’re here again“. Ich freue mich und höre kurz zu. Vor allem scheint Caths Gegenüber ihr etwas zu erzählen, wie etwas „works, in Germany“. Sofort ertappe ich mich dabei, dass ich etwas eifersüchtig werde, weil ich doch jetzt gerade Lust hatte mich nochmal mit Cath zu unterhalten und ihr zu helfen. Also verlasse ich doch wieder den Raum, bevor ich die stattfindende Unterhaltung unterbreche oder mich gar albern benehme.

Später sehe ich die Performerin zwar noch Mal, wie sie gerade alleine und in sich gekehrt ihrer Arbeit, Reis zu bemalen, nachgeht, aber da habe ich leider selbst gerade keine Zeit im schnelllebigen Festival-Alltag.

Zeit aber vielleicht, kurz ein paar Interpretationswege zu suchen. Diese sind durchaus möglich, bieten sich eventuell sogar  an, aber sind absolut nicht notwendig, was „Hourglass“ bereits auszeichnet. Die Handlung des Viel-Reis-Schwarz-Bemalens steht und wirkt für sich. Ein meditativer Handlungs-Rahmen, der im Vollziehen aufgeht. Gleichzeitig sieht und macht man aber eine abstrakte Kunst-Arbeit, ohne direkten Nutzen und scheinbar auch ohne weiteren ästhetischen Mehrwert (Merke: Nachfragen was am Ende mit dem Reis geschieht). Durch die Positionierung im eigenen Sinn-Kosmos liegt es dann beim Drüber-Schlafen doch nahe, nach Bedeutung zu suchen, nach übertragbaren Schlüssen.

Cath arbeitet alleine. Sie sensibilisiert vielleicht dafür, dass wir alle für uns alleine handeln, aus unserem eigenen Sinnzusammenhang heraus. Andere können sich dazu entschließen, uns bei Handlungen zu unterstützen und Ziele zu erreichen, aber unabhängig vom Ausgang wird es weiter gehen, weiter gehen auch in der Abgeschlossenheit unseres Seins – nach Sonntag wird „Hourglass“ weiterziehen und ihre Sisyphos-Arbeit am nächsten Arbeitsplatz von vorne beginnen. Die Frage nach dem Warum ist definitiv unergiebig – dadurch wird die Schüssel Reis bestimmt nicht voller, bzw. leerer, und Cath würde diese Frage wahrscheinlich lediglich stoisch belächeln. Gleichzeitig zur Abgeschlossenheit unseres eigenen Form-Seins, kann uns die Arbeit mit Cath aber auch mit der scheinbaren Nicht-Existenz von Entitäten konfrontieren, beziehungsweiße damit, dass diese vor allem durch unsere Wahrnehmung entstehen. Für einige Momente beeinflussen wir das Dasein einer anderen Form, eines Reiskorns. Über die Pinzette verlängern und spezialisieren wir unsere Hände und verwandeln weiß ins Gegenteil schwarz. Oder eben auch nicht, weil wir zu unachtsam sind und das Reiskorn verschwindet in den Weiten des Fußbodens. Dies geschieht alles wertungsfrei, weil Cath es wertneutral präsentiert. Sie verurteilt nicht, wenn ihr niemand hilft, sie wird ein Erreichen des fast unmöglichen Zieles (heute war noch nicht einmal der Boden der nun gigantisch groß erscheinenden Schüssel bedeckt) vermutlich ebenso ruhig lächelnd hinnehmen wie ein Scheitern. Die Welt fließt, wir gehen unseren Strömen nach, unabhängig ob wir als Mensch auftreten, aktiv oder passiv, oder ob wir als Reiskorn erscheinen.

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