Der Tribun

Für den zweiten Bausatz habe ich mir die Nummer Zwei geben lassen, „Der Tribun“ von und mit Mauricio Kagel. Darin dreht und wendet der Regisseur und Sprecher Phrasen eines Staatsmannes, bis sie nicht nur ihre Bedeutung verändern, ins Gegenteil verkehren, sondern jeglichen spezifischen Inhalt verlieren. „Ist alles nur Rhetorik?“ fragt das einführende Schrifttäfelchen an der Wand, neben dem Ausstellungslego-Bausatz am Fenster, der einen Lego-Redner zeigt vor einer faschistisch anmutenden, schwarz-gekleideten Lego-Menschengruppe zeigt.

Die Rhetorik-Bastelei beginnt mit einer in seiner äußeren Erscheinungsform zunächst gewöhnlich wirkenden Staatsrede. Also fange ich auch gewöhnlich an mit dem Lego-Bau. Da ich gestern mitbekommen habe, dass angeblich meistens „in die Höhe gebaut wird“ – Ricarda Franzen wurde anscheinend vom Rhein-Neckar-Fernsehen gefragt, „was das zu bedeuten habe“ – bin ich fest entschlossen heute kompakter, flacher zu bauen.

Baustart geschieht mit Bodenplatten. Der Untergrund wird bewusst bunt gestaltet, kann aber schon bald keine klare Form mehr ausfüllen. Mauricio Kagel redet sich langsam warm, wird heftiger, wirrer, vermischt Zusammenhänge und Begriffe aus unterschiedlichen Kontexten. Die Steine wachsen zu Brücken, die die Platten verbinden. Ich kopiere das Prinzip Brücke von meinem Gegenüber, mein Lego-Staat lernt sozusagen von seinem Nachbarn, macht dann allerdings ganz andere Sachen. Rasch verlieren die Formen und Farben des Untergrunds – des Volks wenn man so möchte – an Relevanz und an Licht das auf sie fällt. Rasch geht es nur noch darum, möglichst abgefahrene Verbindungen und spektakuläre, innovative Formen zu erstellen. Rasch auch wird es eine Sache der Balance. Die Rede wackelt immer öfter, wird immer wirrer von einer Blaskapelle untermalt, rudert beinahe sichtbar durch meine Ohrstöpsel mit den Armen. Einzelne Pfeiler kann ich auf meinem Spielplatz noch retten, später gebe ich Konstruktionen auf und lasse sie halb eingestürzt, weil ich ohnehin nicht mehr mit meinen Wurstfingern heran komme. (Oh Wurstfinger! Eine Querverbindung zu White on White, die angeblich vor ihren Schönheitsoperationen zum Performance-Duo „Wurstfinger“ hatten und sich, um akzeptiert zu werden, Finger wie Jerome Bel schnippeln ließen. Bedeutet das, dass ich kein Künstler sein kann? Mein Lego-Tablett antwortet aus seinem löchrig-klapprigen Schutthaufen mit einem klaren „Nein!“)

Der Tribun lamentiert sich weiter, ohne Rücksicht auf das Wörter-Chaos zu nehmen, also baue ich auch weiter auf meinen Trümmern. Immer weniger Steine, heißt eben immer ausgefallenere Lösungen zu finden. In einem Moment versuche ich Eingefallenes doch wieder aufzurichten. Ein Fehler. Kurz die nächste Brücke angeschlossen, noch größerer Zusammenschluss. Der Tribun fordert sein imaginiertes Volk auf: „Sagt Nein!“ In diesem Moment der Sturz meines Mittelteils, ich schreie laut „Nein!“ durch den Raum, werde verwundert angeschaut, habe aber keine zeit dafür. Kagel ruft ebenfalls „Nein!“, flüstert dann aber gleich hinterher „Ja, ja! Jaaa!“ und wiederholt das Ganze noch mal. Ja? Zusammensturz als Chance? Und tatsächlich, ich verwende meine Trümmer weiter und am Ende, dank eines neu gefundenen Tricks (Steine horizontal verbauen, obwohl sie in sich selbst nicht mehr vertikal ausgerichtet sind! Tut mir leid, aber für mich als Playmo-Kind eine Offenbarung!) merkt die Projekt-Fotografin anscheinend nicht, dass nur die Hälfte schief gebaut ist und die andere eigentlich „nur“ eingestürzt. Im Gegenteil, sie ist begeistert und spendiert meinem Bauwerk eine Polaroid-Aufnahme. Yippieh, Volksverarsche gelungen im Staatsrethorik-Workshop. Die Verdrehtheit von Kagels Tribun habe ich zwar schon bemerkt, kann jetzt aber auch nicht mehr rekonstruieren, auf welcher Grundlage er eigentlich begonnen hatte.

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