Das Stueck-1

Prolog:

Das Stueck ist meine Rettung. Ich brauche nichts dringender als eine Intervention. IRGENDEINE.

So beginnt das Stueck schon auf dem Weg zum Stück: Straßenbahnen quälen sich quietschend in Schienen durch den Berufsverkehr. Baulärm. Überall. Jedes Scheiß-Quadrat an dieser gefallenen Flaniermeile scheint von einem Bauzaun verkleidet, dahinter Presslufthämmer und Schuttrutschen. Gegenverkehr. Passanten, Einkäufer,Verkäufer, Streuner und Ich. Mir kommmen drei junge Frauen entgegen. Das schrille Lachen der einen löst den Wunsch in mir aus, ihr mit einem Blumentopf die Zähne einzuschlagen.

Meine unerwartete Begegnung mit einer Freundin auf dem Paradeplatz, die Umarmung, wird zum Rettungsanker. Eine Sekunde,zwei, drei…Ich kehre zu mir zurück. Status: getrieben, schutzlos, lebendig.

Erster Akt:

Einführung: „Das Stueck ist …und das Stueck spielt sich auf mehreren Ebenen“… Das Stueck ist mir egal! Ich will die Kopfhörer! Ich will in die großen Lauschmuscheln kriechen und dann mal gucken ob ich da heute nochmal rauskomme. Sie halten den versprochenen Effekt. Ohne den Player einzuschalten rücke ich die Welt ein Stück zur Seite. Sitzen, gucken, Energiesparmodus: on.

Zigarette drehen. Play. Eine freundliche Stimme spricht zu mir und ich folge in meinem Tempo ihrem Klang. Später ihren Worten und manchmal ihren Anweisungen. Sobald der Moduswechsel vollzogen ist /der „lange faszinierte Blick“, der Modus des „Starrens“ kommt mir in den Sinn.(Assmann)/ schlägt der Puls ruhiger.

Zweiter Akt:

Verbindungen stellen sich her. Der Vorhang öffnet sich noch ein Stück weiter über dem Paradeplatz. Wortfetzen der „Stimme“ erreichen mich und geben den Bildern Sprache. Stimme: „Ein Zuschauer betritt den öffentlichen Platz“/ Blick: Eine junge Frau stolziert tapfer hüftschwingend auf Highheels über das Kopfsteinplaster. Das Stück erlaubt mir ihr unverschämt lange nachzublicken. Status: Fasziniert.

Dritter Akt:

Der Konflikt bahnt sich an: Das Stueck droht eines sanften natürlichen Todes zu sterben. Ich durchschaue die Kostümierung und langweile mich. Manchmal fängt die zufällige Qualität von Text und Inszenierung mich wieder ein. Je länger es dauert, desto seltener gelingt dies. Beobachte auf dem Platz eine Gruppe von sechs alten Albanern. Sie haben aus dem Handwerk des würdevollen Rumlungerns eine Kunst gemacht. Denke, dass obwohl ich nur zwei Armlängen entfernt stehe, es keine Entfernung gibt die größer ist als die, die in diesem Moment zwischen uns liegt. Ich sehe mich mit ihren Augen. Und schäme mich einen Moment. Ich bin die Institution. Das Stueck hat mich aufgenommen. Entscheide mich das Stück herauszufordern.

Vierter Akt:

Verlasse den Gemeinschaftsraum des Stueckes. Verlasse den öffentlichen Platz der mich mit dem Stück verbindet und nehme die Stimme mit in die Welt. Ein Typ mit Kopfhörern und Jutebeutel wie es viele gibt. Betrete ein Kaufhaus. Die Stimme mischt sich unter die Geräusche des verkausfoptimierenden Hintergrundgedudels aus den Lautsprechern und erzählt mir, dass die Institution ihre Arbeit aufgenommen hat. Das sehe ich. Überall um mich herum. Nur ich bin nicht mehr Teil JENER Institution. Ich bin die heimliche Intervention. Unsichtbar. Nur mein langsames Bewegungstempo könnte mich verraten. Das Stück bietet mir also tatsächlich die Freiheit, die es verspricht. Innerhalb seiner EIGENEN Grenzen, die andere sind als meine üblichen. Doch dann droht auch diese Erkenntnis ihren Reiz zu verlieren. Wie ein All- Inklusive-Cluburlaub vielleicht. Denke das es kein Entrinnen gibt. Status: ICH WILL NACH HAUSE.

FünfterAkt:

Rückkehr des Helden. Bringe dem König meine Kunde. Bin wieder aufgenommen im Kreis der Zuschauergemeinschaft. Ich sehe noch, das Stück wird für mich gleich enden, während es für andere erst beginnt. Das Wasserrauschen des Brunnens auf dem Paradeplatz wir zum Schlussapplaus. Status: Entspannter als zuvor. Es kann weitergehen.

Epilog

Das Stueck hat mich gerettet. Für einen Moment. Die Welt hat es nicht verändert. Sie ist und bleibt noch immer eine Scheibe.

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Ein Gedanke zu „Das Stueck-1

  1. Habe gesehen, wie viele Menschen sich auf dem Platz Zeit nehmen und Zeit zu haben scheinen.
    Habe Menschen beobachtet, die Musik machen, die reden, einfach sitzen oder liegen, Musik hören, Wahlkampf machen, beobachten, lesen, spazieren gehen. Und einige Zuschauer, die das auch alles bemerken.
    Habe gemerkt, wie mich die Offenheit des Stücks gelangweilt hat.
    Habe bemerkt, wie ich mehr wollte, spezifischeres wollte, wollte, dass es auf mehr hinaus läuft.
    Habe mir gewünscht, dass das Stück sich traut mehr von mir zu fordern für meine Zeit, ablehnen und etwas anderes tun könnte ich immer noch.
    Habe mir gewünscht, dass es mehr Momente gäbe, die so sind wie der eine, als in meinen Kopfhörern ein schreiendes Kind zu hören ist, während durch mein Blickfeld ein kleines Mädchen mit geöffnetem Mund Tauben aufscheuchte.

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