Hausbesetzer und Hausbesitzer, 21.09.

Diesen Nachmittag liegt der brave Panzer im Sonnenschein blinkend nach wie vor auf dem Alten Messplatz. Umsäumt von Springbrunnenfontainen, darin spielenden Kindern, holpernden Skateboards, formiert sich die heutige Gesprächsrunde.

Diesmal zu Gast: Wolf Wetzel. Vorgestellt als Autor und aktiver Zeitzeuge, sowie Mitstreiter der Frankfurter Hausbesetzerszene der 70er / 80er Jahre.

Hausbesetzer und Hausbesitzer – so der Titel der Diskussion. Brennpunkte des Gesprächs sind die prekäre Wohnungssituation, vor allem in Städten: steigende Mietpreise im Verhältnis zu sinkenden Löhnen, Wohnungsknappheit bei zu beklagendem Leerstand, Zwangsräumungen und menschenunwürdige Handhabe an Ecken, wo nicht hingesehen wird, sowie Städte und Kommunen, die de facto realpolitisch ökonomisch handlungsunfähig zu sein scheinen.

Auch wenn er heute keine Häuser mehr besetzt, spricht sich Wetzel eindeutig für die aktuelle Notwendigkeit von Hausbesetzungen aus. Elegant spannt er im Gesprächsverlauf immer wieder den Bogen zwischen der von ihm erlebten Zeit und den ökonomisch- realpolitischen Begebenheiten im Heute. Stark gemacht wird, dass es sich bei Widerstand in Form von artikulierter Revolte und Taten vordergründig um eine Schicht, die sich dies leisten kann, handelt. Also gibt es bürgerliche Partizipation, aber keine Änderung für Leute, die von unaushaltbaren Wohnsituationen betroffen sind und Angst haben sich zu artikulieren. Zwangsräumung und gewalttätige Verhältnisse sind Lebenswelt anderer.

Als Ausweg ausserhalb von bewaffnetem Widerstand schlägt Wetzel gemeinnützigen Wohnungsbau vor. Mehr Immobilien müssen in städtisches Eigentum zurücküberführt werden um im Bereich der Wohnsituation intervenieren zu können. Durch die um sich greifenden Privatisierungen, funktioniert selbst der soziale Wohnungsbau heute kapitalistisch: orientiert an höchster Rendite wird auch hier Konkurrenz betrieben. Diese Bewegung muss gedämpft werden. Maßnahme dazu kann die Rekommunalisierung des Bodens, also die generelle Rückgewinnung von öffentlichem Eigentum, sein. Aber da beißt sich die Katze leider in den Schwanz: Auch hier sind wir bei Regelungen angelangt, die wiederum über Besitzstrukturen funktionieren. Selbst bei gutem Willen, sind Städte finanziell nicht handlungsfähig und können eigenständig kaum Politik machen, versuchen über Maßnahmen wie BuGa-Bewerbung ihren Haushalt aufzustocken.

Hinzukommt die perverse Leerstandssituation: Es kommt leider nicht drauf an, ob eine Wohnung bewohnt wird, sondern ob sie Rendite abwirft. Leerstand widerspricht zwar dem Grundgesetz „Eigentum verpflichtet“, nicht aber der Marktwirtschaft. Leerstand ist für viele Eigentümer der sicherere, rentablere Weg.

Soweit die beschriebene Situation.

Auf die Frage „Wie zeitgemäß sind Besetzungen?“ reagiert Wetzel blitzartig: „Dringend notwendig!“. Die Notwendigkeit Häuser zu besetzen, um das politisch zu thematisieren, was verdrängt wird, sowie die Wiederaneignung von Städtischem, ist heute wichtiger als es in 70ern je war.

Wetzel beschreibt Heute im Vergleich zu den 70ern eine doppelte Spirale – damals lag der Mietanteil im Verhältnis zum Gesamteinkommen bei 30 – 35 % – heute bis bei zu 50% und das bei sinkendem Lohn und weiter steigender Miete. Um Auswege aus dieser ökonomischen Zuspitzung zu erreichen, sind alle Häuser, die aus dieser Spirale herausgenommen werden, erstmal gut.

Ein letzter, kapitalismuskritischer Kommentar am Ende: „Ich habe mal gehört, der Kommunismus sei ein scheues Reh. Wir müssen das scheue Reh erschrecken.“.

Dem folgt ein abschließender Kommentar von Seiten des Collini Social Clubs in Form einer herzlichen Einladung der bald folgenden Gesprächsrunde beizuwohnen, sowie die Ansage: „Wir sind für Unruhe zuständig!“.

Soweit.

Es war angenehm dem facettenreichen, reflektierten, Gespräch zu folgen und knapp 20 Menschen werden dies auch erlebt haben. Wundersamer Weise steht da nun ein 2 Tonnen schwerer Panzer mitten auf einem großen Platz einer großen Stadt mit großen Fragen und beredet wirklich brisante Themen – im sehr kleinem Kreis. Es gibt Hot Dogs, die kaufen ein paar Passanten, lauschen eine Minute bis der Dog fertig präpariert ist und eilen weiter. Ob es die Gewöhnung und das gewachsene Desinteresse an Ständen welcher Art auch immer im Stadtraum ist, oder die etwas hermetisch das ganze abschirmende Riege der groß aufgefahrenen Kamerateams ist – ich bin mir unsicher. Medienwirksam ist dieses Ereignis in der Nachbereitung sicher. Wie stark für Unruhe zuständig, nunja.

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