Spiel, Spaß, Heiterkeit.

Fritz und Frieda hat es seit Tagen gegruselt bei dem Gedanken, dass man am Freitag bei The Mannheim Games Tour ihre aktive Teilnahme erwarten wird. Sich in den öffentlichen Raum zu stellen, zumal an einen so präsenten Ort wie den Paradeplatz direkt im Zentrum der Mannheimer Innenstadt, und dort demonstrativ Kunst zu machen, das klingt nach einer eher peinlichen Zurschaustellung. Außerdem birgt es die Gefahr, dass die Spiele, die dort mit dem Etikett “Kunst” behaftet veranstaltet werden, eben deswegen banal und langweilig, um nicht zu sagen affig werden könnten. Oftmals wird in solchen Fällen die demonstrative Lockerheit und Bereitschaft, seine menschliche Würde zugunsten der vermeintlichen Kunst öffentlich im Klo herunterzuspülen, zum prickelnden Kunsterlebnis stilisiert, mit welchem der exhibitionistische Kunstfreund dem Banausen entgegentritt, der dem Alltag nachgeht.

Dergestalt verschüchtert und in Erwartung des Schlimmsten fanden sich die Beiden heute Mittag am Brunnen auf dem Paradeplatz, dem vereinbarten Startpunkt von The Mannheim Games Tour ein. Sie waren sogar zehn Minuten zu früh. Etwa fünf Teilnehmer die von etwa gleichviel Mitarbeitern bei einem Schildkrötenkampf betreut wurden. Ein Photograph, ein Typ mit Kamera, ein Platz voller Menschen. Die schlimmsten Erwartungen schienen bestätigt.

Nach und nach sammelten sich die Teilnehmer. Obwohl die Veranstaltung keinen Eintritt kostete waren gerade einmal die Hälfte der Plätze besetzt. Viele der Teilnehmer wurden von Frieda und Fritz als Mitarbeiter und Blog-Kollegen von in identifiziert Nur wenige schienen wirklich als Gäste gekommen zu sein. Das ist schade, denn was folgte waren drei Spiele, die die oben beschrieben Erwartungen nicht bestätigten.

Beim zweiten Spiel etwa waren Frieda und Fritz in der Rolle als Schafe Teil einer Herde, die sich ihren Weg durch die Stadt bahnte. Sie wurden von einer Erzählung geleitet, welche über mp3-Player abgespielt wurde und den Stadtraum, in dem sie sich bewegten, zu einer Fantasiewelt umschrieb (die Tram-Schienen wurden zu einer Schlucht, es entstanden Wiesen, Wände wurden zu Felsen, städtische Zierpflanzen zu für Schafe essbaren Wildkräutern). Die Schafherde wurde von einem Wolf attackiert, welcher einzelne Schafe außer Sicht zu schaffen hatte, wodurch sie wiederum zu Wölfen gewandelt wurden. Nun bestand ihre Aufgabe darin, neue Schafe zu reißen, wobei sie allerdings aufpassen mussten, nicht ihrerseits durch den Schäferhund gefangen zu werden — der von einem der Spielteilnehmer gespielt wurde.

Deshalb war die Spielhaltung, mit welcher die Teilnehmer die Spiele vollzogen, keine, die einer Bloßstellung vor der Öffentlichkeit gleichkam. Man zeigte sich nicht als einer Kunstaktion teilhaftig, sondern eben als jemand, der höchstens dadurch hervorstach, dass er an einem Spiel teilnahm und vielleicht ein ausgelassen Kindergeburtstag spielte, nicht jedoch blamabel unidentifizierbare Handlungen vollzog.

Wenn man etwa sich hinter einer Säule versteckte, um nicht gesehen zu werden, so setzte man sich den neugierigen Blicken von Passanten lediglich als Spieler aus und war darüber hinaus selbst in das Spiel vertieft. Auch ließ sich das Spiel vor Passanten, um deren Einbeziehung man sich bisweilen bemühen konnte, leicht als solches erklären ohne kryptisch zu werden.

Offenbar ist ein Spiel in seiner Kuriosität eben weitaus zugänglicher. Erklärt man, man spiele ein Spiel, dessen Regelwerk bestimmte Dinge vorschreibe und andere verbiete, erntet man von außen immerhin kein generelles Unverständnis (oder etwa Erklärungsbedürfnis a la “und warum macht ihr das?”) — denn spielen, das weiß jeder, macht man im Idealfall einfach zum Spaß.

Wenn die drei Spiele vorüber sind und quasi im Abspann noch der Hinweis nachgeschoben wird “…und wenn ihr wissen wollt, was das Spiel XY mit Prostitution zu tun hat und das Spiel YX mit Obdachlosigkeit, dann fragt uns doch einfach.”, stellt sich allerdings die Frage, worin eine spielerische Praxis überhaupt mit gesellschaftlichen Prozessen zusammenhängen kann. Geschenkt, daß hier im Kleinen größere Zusammenhänge gespiegelt und greifbar gemacht werden sollen. Doch wie sieht dies im Genauen aus? Steckt dort ein tatsächlicher Erkenntniswert dahinter? Wieso sollte es möglich sein, überhaupt wirkungsvoll die Spielebene auf eine Wirklichkeitsebene zu übertragen und geht damit nicht eine seltsame Verflachung einher? Es scheint zweifelhaft, dass dadurch überhaupt ergebige Reflexionsprozesse angestoßen werden können, die über ein „ach schau mal, die machen mit den Obdachlosen genau das, was wir mit den Hütchen gemacht haben, wie interessant und ungeheuer schrecklich“ hinausgehen.

Vielleicht soll jedoch auch eine bestimmte Thematik einfach nur angeschnitten werden und so überhaupt erst ins Bewußtsein der Teilnehmer gelangen? Es ist aber weiterhin unklar, welchen Mehrwert das Spiel hier zu der reinen Information bietet. Die politische Dimension des Spiels bleibt also unklar, wird jedoch von den Spielleitern auch lediglich als Angebot gestellt und nicht aufgezwängt oder penetrant behauptet. Es hat auch ohne politisches Problembewußtsein, was das Aufstellen von Spielfiguren im öffentlichen Raum angeht, Spaß gemacht.

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