The Uniform of the World

Startpunkt: Mannheim, Ehrenhof, direkt vorm Schloss. Zeitpunkt: 21 Uhr. Bevor es losgehen kann, muss der leicht verstreute Zuschauer_Innenhaufen sich noch ein paar Anweisungen gefallen lassen. Es ist auf jeden Fall zu beachten, dass die Zuschauer_Innen immer zusammen bleiben. Es gibt drei Orte, an denen wir was zu sehen bekommen. Der erste ist hier vorm Schloss. Uns wird erklärt, auf welche Bänke wir uns zu setzen haben, damit wir auch etwas sehen können. Am zweiten Ort stehen Klappstühle bereit, die wir uns nehmen dürfen, nach Benutzung aber wieder zusammenklappen sollen, der dritte Ort ist bestuhlt. Während der Wege zwischen den Orten sollen wir immer schön zusammenbleiben und unserer Anführerin folgen. Es sind Regeln zu beachten für diese Performance im öffentlichen Raum und wir werden sie brav befolgen, schließlich wollen wir ja alles mitbekommen.

So setze ich mich auch auf die uns eben zugewiesenen Bänke, in die erste Reihe selbstverständlich, denn in der zweiten würde man ja nichts sehen. Eine Weile vergeht, dann tauchen Quim Bigas Bassart und Costas Kekis jeweils mit einer Taschenlampe ausgerüstet auf diesem riesigen, weiten Platz wie aus dem Nichts auf. Sie gehen geradeaus, zurück, Drehung, ein Stück vor, wieder eins zurück, Kehrtwende, in einem leichten Bogen. Immer schön parallel, immer schön synchron. Der Platz, auf dem sie dies tun, bleibt jedoch immer noch riesig, fast schon verloren wirken diese beiden Taschenlampen da. Ein Auto fährt vorbei, ein Fahrradfahrer, ähnliche Geometrie. Auf der Mitte des Platzes steht ein kleines Grüppchen von Menschen, das ebenso interessiert beobachtet, wie wir, wie diese beiden sich bewegenden Taschenlampen über den Platz marschieren. Der Gang wirkt bis ins kleinste Detail geprobt, fünf Schritte vorwärts, leichte Drehung um 30° wieder ein paar Schritte, etwas schlenkern, wieder zurück. Hier ist nichts dem Zufall überlassen; ich frage mich, was wohl passiert, wenn man die beiden ihren Weg nicht gehen lässt, aber der Platz ist zu groß für Hindernisse und ich traue mich auch nicht von meiner Bank weg, zu eindringlich war die vorherige Ansage. Ich bin hier wohl doch eher Theaterpublikum als öffentlicher Passant. Nach einer Weile gibt es kein Zurück mehr, sondern nur noch ein Geradeaus, runter von diesem Platz, über die Straße, verschwunden. Sollen wir hinterher? Nein! Immer schön zusammenbleiben, erstmal schauen, was unsere Anführerin macht. Sie wartet einen Moment, dann doch hinterher.

Am zweiten Ort stehen dann auch schon, wie angekündigt, unsere Klappstühle bereit. Ich nehme mir einen, richte mich wieder als Theaterpublikum ein, an einem Ort, an dem man eigentlich nicht verweilt: Ein Gang zwischen zwei Bürogebäuden, links eine Hecke, rechts eine Wand, geradeaus der Eingang in ein Parkhaus; ich im Zuschauerraum, vor mir die Bühne, keine fünf Meter breit. Die beiden Performer stehen schon bereit, diesmal viel näher an uns dran, der Ort ist ja auch um einiges kleiner, als erstes fällt die Kleidung der beiden auf, die man zuvor aufgrund der Entfernung nicht erkennen konnte: Beide tragen einen grünen Pullover, beige Hose, rosa Schuhe, erworben bei H&M, wie es auf der Wunder-der-Prärie-Homepage heißt, „the uniform of the world“, keine Taschenlampen diesmal. Und wieder vorwärts gehen, zurück gehen, wieder synchron; aber auch um die eigene Achse drehen, auf dem Boden liegen, hüpfen, Arme ausbreiten. Zwischendurch einmal synchron Nase schniefen, weiter im Bewegungsablauf. Diesmal ist es aber enger, zusammengedrängter und wenn eine Hecke oder ein Poller im Weg ist, kann man nicht weiter, muss stehen bleiben oder umdrehen. Und wenn beide mit ausgebreiteten Armen nebeneinanderstehen und sich um die eigene Achse drehen, muss immer an der gleichen Stelle ein Arm eingezogen werden, kein Platz dank der Hauswand. So sieht es also aus, wenn die städtische Architektur unsere Bewegungen beeinflusst. Nach einer Weile bleiben Costas Kekis und Quim Bigas Bassart bewegungslos stehen. Unsere Anführerin springt auf und will weitergehen, wir zögern jedoch, ein auffordernder Blick und wir stehen doch auf, aber nicht ohne vorher unseren Klappstuhl wieder zusammenzuklappen und zurückzustellen.

Weiter geht es durch die Quadrate Mannheims und die rechtwinkeligen Straßen. („Die Orientierung in Mannheim ist super einfach, alles quadratisch, wie in New York“ – „Soso, ich finde es eher verwirrend“.) Von Ferne hören wir die Stimme einer Frau aus einem Lautsprecher, die näher kommt, bis wir realisieren, dass sie aus einem Auto tönt, das auf uns zu fährt und dann langsam neben uns her. Textausschnitte aus Richard Sennets „The Fall of Public Man“: In the Brunswick Centre two apartment complexes rise away from a central concrete concourse, where initially there were few shops and vast areas of empty space. It was an area to pass through, not to use.

Als nächstes betreten wir ein Mannheimer Einkaufszentrum, das Treppenhaus hoch. Wir müssen einem Scheißhaufen ausweichen, der mitten auf der Treppe liegt, und betreten eine verlassene Ebene des Einkaufszentrums zwischen Reisebüro und Restaurant, geradezu zwei Stuhlreihen, auf denen wir uns niederlassen. An Area to pass through, not to use. Aber wir benutzen diesen Raum für Teil drei unserer Theateraufführung. Ähnliches Bewegungsrepertoire wie eben, aber nun das erste Mal verwirrte Passanten, die sich ob der synchronen Bewegungen der Performer wundern. Die Verwunderung lässt jedoch schnell nach, als das Publikum entdeckt wird und das Geschehnis als Theater kodiert werden kann. Eine kleine Irritation bleibt hoffentlich.

Nun wieder aus dem Einkaufszentrum heraus, diesmal benutzen wir eine andere Treppe. Unten angekommen werden uns Plastikbecher mit Sekt in die Hand gedrückt. Die Aufführung scheint zu Ende zu sein, wir gehen auf den anliegenden Platz und bemerken, das Costas Kekis und Quim Bigas Bassart hier auf dem Boden liegen, mit Blick in den Himmel gerichtet. Passiert doch noch etwas? Nein, sie verweilen hier, bewegen sich nicht, liegen einfach nur da.

Was ist eigentlich aus diesem öffentlichen Raum geworden, in dem wir uns ständig bewegen und andauernd Performances machen?

Wo ist eigentlich diese Öffentlichkeit, wenn sie immer nur weitergeht und den ihr eigenen Raum nicht nutzt?

Wie nutzt man eigentlich diesen öffentlichen Raum?

Und wessen Regeln folgen wir eigentlich in diesem öffentlichen Raum?

Erobern wir ihn uns zurück, legen wir uns auf den Boden und finden es heraus!

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