der große Schwindel

1.00 Uhr Licht aus. Nette Unterhaltung mit dem Türsteher vor der In-Bar ums Eck, die bis zum Bersten voll ist, in die wir zum Glück, mit dem dritten Tag Festival in den Knochen, nicht hinein sind. Vom Festival, ein Katzensprung von hier, fehlt jede Spur. „Du musst schon wissen wohin!“ hätte der Türsteher sagen können.

Müde resümieren wir Aktion und Auktion, Ausstellung und Einstellung. Nachmittags mit der AG AST durch Mannheim spazieren. Die grünen Tücher um die Schultern, eine Topfpflanze auf den Rücken geschnallt. So ausstaffiert prozessieren wir zum Marktplatz, durch „klein Istanbul“ (nennen manche Mannheimer/innen dieses Viertel hier, erfahre ich von meinem Gesprächspartner), an unzähligen Läden mit verlockenden Auslagen entlang, ins Stocken gebracht durch eine Gruppe Koranbewerber! Ehe ich mich versehe, sind auch schon Prospekte ausgetauscht, verheißungsvolle Texte auf beiden Seiten. Anastrophe & Offenbarung. „Die ungefähre Bedeutung der heiligen Schrift in Deutsch“

Wir stellen uns gemeinsam auf zum Gruppenfoto. Die geschulterte Pflanze neben der geschulterten Flagge, „Lies“ ist darauf zu lesen. Um die Augenscheinlichkeit, dass sich hinter dieser Aufforderung in einer anderen Sprache eine Lüge verbirgt, wissen unsere Tauschpartner wohl zur Genüge. Sie winken vorerst ab, wir stoßen weiter vor.  Was machen wir jetzt? – mit dem extrahierten Duft aus Dieters Kleingarten (Steine, Erde, Blüten) die Tücher einsprühen – quer über den Marktplatz laufen und in diversen Schüttel-, Wedel- und Schleudertechniken, den Geruch der Natur endlich in die Stadt zurückbringen. Zwei alte Damen riechen das gern, Kinder freuen sich, die benachbarte SPD Wahlveranstaltung gibt sich unbeeindruckt. Es schleudert sich aus. Interessant: Die gleiche Technik nutzen Parfümeure auch.

Erneute Fotosession mit den Koranverteilern. Diesmal in voller Montur. Halb bis Ganz verhüllt. Weiter geht’s! Neben einem Blumenladen wird das Rauchritual vorbereitet. Ein Performer mit einer Vogelpfeife imitiert einen Vogel im Grün. Vier der vielseitig einsetzbaren Tücher ergeben zusammengesetzt das Modell einer Grünanlage in der Renaissance. Im Kreis um die Leerstelle (hier waren früher die Brunnen) gesetzt qualmen wir Zigarren, was das Zeug hält. In jede Himmelsrichtung, in den Himmel, auf den Körper gerichtet. Der Rauch lokalisiert die Position im Raum. Ein weiteres Dufterlebnis. Kurz darauf befällt mich ein leichter Schwindel. Ich brauche Wasser und Süßes um nicht vom richtigen Weg abzukommen. Die Tanztheaterintervention, in allgemeiner Angst der „Aufführung“ vom „Stück“ die Show zu stehlen, bietet die Möglichkeit sich völlig grenzenlos mit dem Tuch im Raum zu bewegen. Es dient als Tarnung/Sichtschutz/Tanzpartner/in. Es steigt in die Höhe, es liegt auf dem Boden. Mal verbirgt es, mal verschleiert ist, mal verschmilzt es mit der Umgebung.

19.00 Ausstellungseröffnung, Galerie Stoffwechsel.

Wir sind spät dran. Kurz reingeschaut und festgestellt, dass jetzt keine Ruhe ist für die Fotographien von Stefan Römer. Einen ausführlicher Bericht verschieben wir auf den nächsten Tag – auf heute, auf später. Während der 20.00 Vorstellung, First Life – ein Melodram (erster Preis der Warteliste = kein Ticket mehr bekommen) im Kaprow bei Bier und 108er (selbstgebrannter Schnaps aus Dieters Kleingarten = sehr empfehlenswert, auch als Alternativprogramm) mit Zweigen der AG AST, die ihren Zug verpasst haben gewartet und gequatscht.

Danach zur bezaubernden Dragana Bulut – 30 ways to pass it on. Eine etwa 13 minütige Arbeit zusammengesetzt aus verschiedenen Bewegungsanweisungen. Geschmückt mit erstaunlichen Effekten, einem Live-Remix per Mund und Körper, einer waschechten Showeinlage (leider abgebrochen – es gab da glaub ich ein Missverständnis mit der Technik). Das Unpräzise, Unterbrochene der Performance, verbirgt charmant ihre verborgene tänzerische Genauigkeit. Wir werden zum Ausfüllen der Auktionsunterlagen und zum Studieren der Auktionsregeln in die Pause geschickt.Dann endlich: Die Große Versteigerung. Kunst auf der Bühne sucht ihre Käufer_innen im Zuschauerraum. Die Performerin leitet die Auktion und setzt die Startpreise. Zu Ersteigern sind z.B. – das hier und jetzt, in seinem uns allen gegenwärtigen Moment (eingefangen in einer Polaroidfotographie) – Aufführungsrechte einer frühen Arbeit von Dragana Buluts Mutter, eine Weiterentwicklung des Balletttanzes (die Performerin ließ es sich nicht nehmen, die Auktion für eine stimmungsvolle Präsentation dieses Werkes zu unterbrechen). Das Angebot übrigens zu einem lächerlich geringen Startpreis – Eine gebrannte Audio CD mit soeben gehörter Musik von Nina Simone – Die Luft, die uns an diesem Abend alle umgibt (eingeschlossen in einem Glas) – Die vor der Pause gezeigte Performance – Die Performerin für 24 Stunden selber (Bedingung: Sie so zurückzugeben wie sie war) –  eine geheime Überraschung und viele weiter, natürlich nicht in Geld aufzuwertende Kunst, Arbeiten, Ideen, Texte, Dinge usw. Leider sitzt die Kohle nicht so locker, obwohl ich zahlungskräftiges Publikum erspäht habe. Ihr 13 Minüter hat diesmal leider keine(n) Abnehmer/in gefunden. Wir leisten uns für läppische fünf Euro eine Stunde Schütteln mit ihr am nächsten Morgen um 9.30 Uhr. Das entpuppte sich als schwierige Zeit. War aber jeden Cent wert.

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