Mensch und Blog – nicht viel neues.

Wie war „Der neue Mensch“?

Gut/aufgehoben/menschlich/wohlfühlend/raumbesetzend/raumfüllend/Bewegung/Gemeinschaft/ Erneuerung/Lebendigkeit/gemeinsam/ein intellektueller Lagerfeuertanz/ New Age/ Schwebende Fixierung/prisoned fantasy/eingesperrte Imagination/Stretching/ manipulierend/ langweilig/verbindend/zum wegrennen/eine tolle Erfahrung/nicht so schlecht/durchschaubar/lustig/anstrengend/erweiternd/bekannt/wie immer/ Theateraufwärmübung

Die neue Bloggerin

Willkommen zu diesem neuen Blogeintrag. Es soll ein Blogeintrag über die Performance „Der neue Mensch“ von Ligna werden. Dafür musst du zunächst die Performance anschauen. Gehe also einigermaßen pünktlich am 28.09.2013 gegen 20 Uhr zur Jungbuschhalle.
Infomiere dich rechtzeitig über den Weg.
Lauf! Nimm dabei die Straßennamen Mannheims wahr. In der Werftstraße bist du richtig. Beschleunige dein Tempo. Es ist zwei Minuten vor acht!
Tritt ein und nimm die anderen Besucher_innen wahr. Lass dir ein Audiogerät geben. Lächle. Winke den Menschen freundlich zu, die du schon mal gesehen hast. Halte einen kurzen Schwatz mit diesem und jenem. Frage dann danach, was sie denn heute schon alles auf dem Festival gesehen haben. Gucke interessiert, frage genauer nach!

Zu dir spricht kein Mensch. Es ist der stimmlose Gedankenwust in deinem Kopf. Zu dir spricht ein noch nicht geschriebener Blogeintrag!

Setze die Kopfhörer auf wie alle anderen Gäste das bereits getan haben, dann wirst du auch verstehen, warum alle auf einmal so komisch durch den Raum laufen. Um das Gerät in Gang zu setzen, musst du den Holdknopf an der rechten Seite aus machen. Rechts – er ist rechts! Drücke nun auf POWER und drehe etwas lauter. Achte währenddessen darauf, dass du nicht von den umher laufenden anderen Menschen umgerannt wirst oder ihnen im Weg stehst. Sie scheinen lustigen und wichtigen Anweisungen zu folgen.
Folge den Anweisungen, die du hörst. Lass dich darauf ein. Sei offen und neugierig.
Denke nicht schon nach fünf Minuten darüber nach, was das soll und warum du hier gerade Schauspielübungen ausführen musst.
Öffne dich für den Raum, auch wenn es sich um eine ungemütliche Turnhalle handelt.
Öffne dich für die anderen Menschen und tritt mit ihnen in Kontakt, auch wenn du dann sofort den Anschluss bei den Anweisungen von Lignas Audiochoreografie verpasst, weil dich die Konzentration auf beides überfordert.
Denke nicht darüber nach, warum du hier überhaupt diesen Anweisungen folgen sollst.
Fühle dich nicht manipuliert und auch nicht als Teil eines Spiels, auf das du gerade keine Lust hast.
Überwinde deinen müden Körper dabei zu bleiben.
Atme tief durch. Lächle!

Beschließe innerlich nach 10 Minuten aus diesem Ding auszusteigen. Imperative und Aufforderungen rufen bei dir inneren Widerstand hervor. Du kannst nichts dagegen tun. Irgendwie kannst du dich nicht darauf einlassen. Werde stattdessen zur Beobachterin und probiere dich autonom und frei in diesem Raum zu bewegen. Sitze mal in der Mitte des Raumes, mal am Rand. Lausche dem Text, der dir revolutionäre Konzepte über utopische Gesten eines neuen Menschen von Brecht, Meyerhold, Chaplin und Laban näher bringt und damit die Anweisungen für die jeweiligen Choreografien begründet. Bestätige dir selbst, dass das Gesamtkonzept dieser Performance genauso funktioniert, wie bereits auf der Website von Ligna (http://ligna.blogspot.de/2008/09/der-neue-mensch.html) beschrieben ist: Das Publikum folgt vier Anweisungen zu vier Konzepten von vier Personen, ist in vier Gruppen eingeteilt und jede Gruppe macht alle vier durch nur in unterschiedlicher Reihenfolge – sodass immer vier verschiedene Choreografien parallel stattfinden!

Bemerke, dass sehr viele hier in diesem Raum Spaß daran finden und nur zwei bis drei müde und beobachtend am Rand sitzen wie du. Überlege, einfach zu gehen, wenn du das nicht so spannend findest. Erinnere dich im gleichen Moment daran, dass du aber darüber schreiben willst. Finde es gut, dass du dich dadurch verpflichtet fühlst, dich noch ein bisschen dafür zu öffnen.

Frage dich, ob die Konzepte die hier vorgestellt werden besser vermittelt werden, wenn mensch sie durch die Ausführung entsprechender Übungen, körperlich erfahren kann!
Frage dich, ob du deinen skeptischen Kopf und Blick ausschalten kannst und dich für die anderen freust, die gerade witzig klingende Sätze voller Inbrunst durch den Raum brüllen.
Frage dich, warum du dir inhaltlich aber auch ein bisschen mehr erwartet hast bei diesem vielversprechenden Thema und warum es dich enttäuscht, schon wieder die alten Konzepte vom Anfang des 20. Jahrhunderts durch zu spielen. Du kannst einfach nicht anders, als dich wie in der Theatergeschichte Einführungsveranstaltung in deinem Studium zu fühlen. Was gibt es denn jetzt für Utopien, was sind aktuelle Gesten?
Überlege, ob du das in deinem Blogeintrag so schreiben solltest. Entscheide dich dafür, schließlich möchtest du deinen persönlichen ehrlichen Eindruck hinterlassen und während der Performance konntest du nur Ausführende oder nichts, aber nicht Mitgestalterin sein.

Schäme dich ein bisschen fremd, fühle dich ein bisschen sicher in deiner Beobachterinnenrolle, überlege zwanghaft und unentspannt, was du dazu schreiben willst.

Zu dir spricht kein Mensch. Es ist der stimmlose Gedankenwust in deinem Kopf. Zu dir spricht ein noch nicht fertig geschriebener Blogeintrag!

Hör auf zu denken. Applaudiere am Ende. Hilf, den Premierensekt mit ein zu schenken, den der sympathische Mensch von Ligna uns bringt. Finde den Mensch von Ligna so sympathisch, dass du dich schlagartig schlecht fühlst, für deine innere Verweigerung bei dieser Veranstaltung. Lächle. Du merkst du brauchst Eindrücke von anderen. Schnapp dir ein Blatt Papier und sammle diese Eindrücke. Frage die Anwesenden danach, wie sie das gerade Erlebte mit einem Wort beschreiben würden. Stell dich als „die Frau vom Festivalblog“ vor. (Achtung: das ist natürlich auch ein ganz subtiler Hinweis darauf, dass ein solcher existiert – Schleichwerbung).

Sei überrascht über die Worte, die du sammelst und schreibe sie an den Anfang dieses Blogeintrags unter der Überschrift: Wie war „Der neue Mensch“?.
Danke hiermit allen dafür und werde noch am Ende los, dass die 10 Minuten nach der Performance (länger konntest du nicht bleiben, denn du wolltest ja schon zu nächsten Veranstaltung) der schönste Moment war. Weil du Raum und Menschen wahrnehmen konntest ohne Knopf im Ohr und dich das eben Erlebte irgendwie doch mit den anderen kurzzeitig verbunden hat.

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