Lost Life

Seit einigen Jahren wird glücklicherweise der wunderbare Autor Richard Yates wiederentdeckt. Ein Autor, der sich verdient gemacht hat um das Beschreiben des Gefühls der Melancholie, vornehmlich der in amerikanischen Suburbs der 50er und 60er. 2008 verfilmte Sam Mendes, der seine Karriere als Theaterregisseur in Großbritannien begonnen hatte, Yates’ Debütroman Revolutionary Road mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen. In First Life – Ein Melodram von und mit Verena Billinger und Sebastian Schulz gibt es eine Sequenz, in der die beiden abwechselnd aktuellere Hollywood-Filmszenen beschreiben. Verena Billinger bezieht sich auf Revolutionary Road und darauf, dass April Wheeler am Ende abtreibt, um sich ihre Freiheit als Frau zu erhalten. Dieses Zitat bildet einen möglichen Schlüssel zum modernen, performativen Versuch eines Melodrams.

Die Performer betreten die Bühne nackt. Ihre erste Handlung besteht darin, dass sie sich ihre auf der Bühne verteilten Kleidern anziehen. Verena Billinger und Sebastian Schulz bauen auch zwei Mikros auf und fangen an, über sich zu erzählen, vor allem über ihre Beziehung zueinander. Scheinbar waren die beiden einmal ein Paar, jetzt arbeiten sie noch zusammen, sind befreundet. Sie rekapitulieren den Beginn, den Alltag und das Scheitern ihrer Beziehung. Manche Textstellen werden häufig wiederholt, ab und zu schleichen sich Veränderungen ein, Zweifel. Waren die beiden doch nicht zusammen?

Billinger und Schulz erzählen, dass sie bald am Theater in Freiburg gemeinsam Anton Tschechows Drei Schwestern mit drei Tänzern inszenieren werden. Sie finden, dass es sehr schwer ist, das Gefühl Melancholie auf der Bühne abzubilden. Alles, was sie erzählen, sprechen sie relativ „neutral“, kalt vielleicht, teilweise lesen sie ab, als wäre ihr Liebesleben ein abzulesendes Protokoll, als verwalteten sie ihr Seelenheil mit der gleichen Kalkuliertheit wie ihren Kontostand. Wenn sie nicht reden, bewegen die Performer ihre Hüllen über die leere Bühne, ganz so, als ob die Körper jemand anderem gehörten. Sie rollen übereinander, tanzen zu Cohens „Dance Me To The End Of Love“ ohne sich zu berühren aber in einer parallelen Choreographie, küssen sich, ohne erkennbare Leidenschaft nachdem sie von ihren neuen, aktuellen Partnern gesprochen haben, und ziehen sich am Ende wieder aus, machen nackt Kopfstand nebeneinander. Ein Melodram – allerdings, das Element, das das Genre wahrscheinlich als wichtigstes auszeichnet – übergroße Gefühle – scheint ausgesperrt zu werden, verbannt in das frühere gemeinsame Privatleben, zugunsten einer rein professionellen Beziehung, zugunsten einer Künstler-Freundschaft. Ebenso die Melancholie. Sie wird scheinbar versucht aus der Performance herauszuhalten zugunsten eines analytischen Blickes. Das Paradox ist, das gerade dadurch – durch das Fehlen von Melancholie – wiederum eine starke melancholische Note den First-Life-Abend durchzieht. Verena und Sebastian trauern den verlorenen Gefühlen ihrer Zweisamkeit hinterher, nur eben ohne zu trauern, weil sie dies nicht mehr können und nicht mehr wollen.

Bedient sich das junge Ex-Paar an ihrer Statt Avataren? Betrachten diese jungen Menschen ihr erstes Leben – First Life, der Titel verweist auf das Vorbild des Avatars Second Life, der Urtyp eines das Leben duplizierenden digitalen Spiels – als ein Experiment, in welchem sie mit ihren Figuren, sich selbst, herumprobieren? Einmal erzählen sie von ihrer Performance „Romantic Afternoon“, in der sie andere Tänzer durch Küsse kommunizieren lassen. Diese werfen ihnen während der Proben vor, dass die Choreographen durch ihre Tänzer auslebten, was sie nicht mehr privat miteinander ausleben könnten. Und anschließend, in der real stattfindenden Performance des Abends, verwenden Verena und Sebastian ihre eigenen Körper wie Substitute ohne reale Gefühle, bewegen sich selbst innerhalb einer Choreographie, welche sie für sich inszeniert haben. Die Freuden und die Schrecken und Leiden, die dabei manchmal verzerrt auf ihren Gesichtern zu erkennen sind, sind surreal und ohne Laut, als ob sie sich selber dabei von außen, in einem Third-Person-Modus wenn man so will, beobachten würden. Das Melodram findet zwar noch statt, es wird aber nicht mehr durch die Menschen gefühlsmäßig durchlebt. Man könnte jetzt beginnen vom Post-Melodram oder ähnlichem zu reden, wenn nicht die Unfähigkeit, besondere Teilnahme am eigenen Schicksal zu empfinden, schon länger ins Genre Melodram eingeschrieben wäre. Insbesondere gilt dies für das modernere Melodram, wie man es eben zum Beispiel in Revolutionary Road und dessen Verfilmung finden kann.

In Sam Mendes’ Film ist Kate Winslet in einer Schauspielleistung zu bewundern, die man bewundert haben sollte. Sie zeigt die Figur der April Wheeler, die der Frauenfigur, auf die Verena Billinger verweist, entspricht. April ist schockiert über das Leben, in das sie schlittert, gleichzeitig ist sie unfähig auf dieses allzu viel Einfluss zu nehmen. Gelähmt über ihre Ohnmacht einem Leben zu entgehen, welches sie niemals wollte, zieht sie letztendlich den Schluss, den Verena Billinger zitiert, und interveniert sowohl gegen ihren eigenen Körper als auch gegen den ihres ungeborenen Kindes. Und wofür? Für die Möglichkeit ihrer eigenen Freiheit, trotz der Gefahr dabei zu sterben. Ganz so, wie Figuren in aktuellen Paarbeziehungen zwischen Berufsstress, Zukunftsängsten, Umzügen, Bahnhöfen, Mehrfachbelastungen aller Art ihre Beziehungen riskieren, um frei zu bleiben.

Und warum? Sind uns Beziehungen einfach nicht mehr wichtig? Oder können wir nicht mehr zugeben, wenn uns Trennungen spalten? Die Figuren von Billinger und Schulz haben in der Vergangenheit einen aussichtslosen Mehrfrontenkrieg gefochten. Sie wollten zusammen sein (vielleicht) und trotzdem ging ihre Liebesbeziehung zu Ende und eine neue, die neuen Paarbeziehungen durchaus auf die Probe stellende, freundschaftliche Beziehung begann. Eine einfache Geschichte, die zunächst zur Leinwand für die Projektionen des Zuschauers zu werden scheint. Zum Beispiel versehen sich die beiden gegenseitig mit Tierattributen und man erkennt die jeweiligen Körperpartien deutlich, sie ähneln einem Flamingo, Krokodil oder auch einer Kröte. Doch es sind eben nur Projektionen, die beliebig und austauschbar werden können. Später benennen die Performer noch mal Körperteile nach Tieren, aber sie drehen sie um. Wir scheinen in den beiden zu sehen, was wir wollen. Damit legt das Vertausch- und Wiederholspiel nahe, dass Beziehungen ebenfalls aus unseren Projektionen entstehen. Und dann auch daran scheitern können. Aber in der Erkenntnis liegt die Möglichkeit, die Beziehung post-Liebe neu zu gestalten, und im erfolgreichen gemeinsamen Arbeiten verbreiten Billinger und Schulz einen Optimismus, dass jedes Ende eben auch ein Anfang sein kann, wenn man gemeinsam möchte. Oder ist dies letztendlich ebenfalls eine projizierte Illusion, weil der Beziehungsstatus in der Performervergangenheit nie auf „zusammen“ geupdated wurde? Egal welche Projektion die letzte ist, der die Augen erliegen mögen, die beiden Tänzer nutzen die Lust ihrer Gesellschaft am Ausspionieren der Privatsphäre geschickt aus, um nüchtern, gesetzt unspektakulär und klug das Melodram auf der Bühne zu aktualisieren. Indem First Life – Ein Melodram den stummen, gelähmten Schrei der Protagonisten des Melodrams in die Form ihrer Performance übertragen, – Wiederholung, Pseudo-Neutralität, unzuverlässiges Berichten, Variation, versuchte Sachlichkeit, der Tanz der Hüllen – dadurch ziehen sie (vielleicht?) die Bilanz, dass das Privatleben unwirklich geworden ist, vielleicht schon immer war.

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5 Gedanken zu „Lost Life

  1. Schöner Beitrag, der die absolut sehenswerte Performance gut beobachtet und reflektiert hat. Mich hat der Kontrast der exakten, gefühlsberaubten Sprache der beiden und den emotionalen Bewegungen und Klangteppichen sehr berührt.

    Wisst ihr zufällig, um welches grandioses Musikstück es sich handelt, das während der Choreographie der beiden gespielt wird? Das war ja wohl der (wohlige) Gipfel der Melancholie! 🙂

    • Ich denke, das ist Leonard Cohen mit Dance me to the End of Love. Teil mir bitte deine Mail Adresse mit, dann schich ich dir den Song gern. (LC ist mein Lieblingssänger)

  2. Danke, aber das meinte ich nicht. (LC mag ich aber auch). Ich meinte dieses melancholische Klanggewebe, was ungefähr in der Mitte zu hören war. Instrumental. 🙂

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