frei[1] frei frei, wie brot

FF[2]: Die österreichische Zeitung „der Standart“ verteilte einmal Schreibblöcke als Werbegeschenke auf deren Titelseite gedruckt war:  Freiraum für eigene Gedanken.

Weiter frei nach Alireza:
„Meine Gefängnisaufenthalte in Persien waren am schlimmsten, wenn man mir meine Malsachen wegnahm. Dann musste ich in den Pausen mit der Asche meiner Zigarette vor dem Eingang auf den Steinboden malen, beim Reingehen haben die anderen Häftlinge dann meine Spuren wieder verwischt. In diesen Zuständen ist Freiheit etwas sehr klares, etwas sehr begreifliches. Wie ein Stück Brot, man weiß das will ich. Malen .“

Gast: Niemand ist so unfrei wie ein Künstler.

FF:  Wie heißt der gute Mann? Descartes: Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein  Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.

 Zusammenfassung frei nach Friedhelm Hengstbach:
„Rosa Luxemburg würde wohl zuallererst fragen, wessen Freiheit? … Von so etwas wie dem Begriff einer Wesensfreiheit ist sowieso abzusehen,… , im Versuch einer Definition was Freiheit ist, (ver)enden wir bloß im sprachlichen Zirkel einem Hauptwort ein Adjektiv  hinzufügen zu wollen. … Freiheit ist immer schon uns zuallerest in etwas anderes einbezogen, ob nun in sprachliche oder andere Gefüge, genau dieser Eingebundenheit in bestimmte Handlungsbezüge (die auch immer in Zusammenhang mit Macht zu denken sind) kann wohl am ehesten Rechnung getragen werden, wenn man von /in FreiheitsBEWEGUNGEN spricht. Freiheit ist dann vor allem eine Bewegung  für oder gegen etwas. … Auch dieses kleine Theater hier kann demzufolge als Bewegung der Freiheit, beispielsweise gegen verkrustete Strukturen, betrachtet werden.“

FF: Freiheit ist die Mutter der Porzellankiste.

Ali: Freiheit kann auch das Recht sein, Angst zu haben. Jeder hat die Freiheit in anderen Momenten Angst zu haben.

Zusammenfassung frei nach Alireza Varzandeh:
„Wenn Freiheit eine Farbe hätte, dann wäre sie vermutlich grau. Großteils ist sie bloß abstrakter Begriff, dessen Verlust beklagt wird, oder undeutliche Anregung zum Kampf dafür. Ich bin Maler. Ich war mit 14 Jahren erstmals im Gefängnis, am schlimmsten waren die künstlichen Hinrichtungen. Dabei wurde versucht, den Sträflingen ein Geständnis abzupressen, während eine Erschießung  simuliert wurde. Es wurde dann halt neben den Genfangenen geschossen, gestanden haben manche. Seitdem habe ich das Gefühl, dass mir der Pinsel wie eine Pistole in der Hand liegt, ich jedesmal wenn ich male jemanden erschieße. In Deutschland hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl frei malen zu können, frei also in dem Sinn, das es um die Sache selbst ging. Ich musste erst wieder lernen, Malerei, das ist eine Auseinandersetzung mit Farbe und Form, nicht mit Präsident und Land.“

FF: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden (auch von Luxemburg).

FF: Freiheit ist das, was du nicht kennst, bevor du’s verloren hast.

Weiter frei nach Friedhelm:
„Wie können wir also auch hier ein Fest der Freiheit feiern? Ein Vorschlag ist, eine Sphäre des Nachspürens zu etablieren, die sich unabhängig/widerständig gegenüber automatisch beschleunigten Handlungsabläufen unserer  immer mehr vom Drehen des Konsumkarusells gehetzten Alltagsrhythmen erweist. Sodass wir frei werden für die Zeit mit Kindern, der Familie, für uns selbst.“

FF: Freiheit, ach nee, Ich hab mal gehört, Freiheit ist wie Brot.

In unserer Diskussionsgruppe:

NSA Debatte: Verweis auf Juli Zeh[3]: Ein Mensch der beobachtet wird, ist nicht mehr frei. Ein Mensch der nichts mehr zu verbergen hat, ist kein Mensch.

NSA Debatte: Aber das interessiert doch eh kein Schwein mehr, bei all den tausend Daten.

Friedhelm:  Im Jesuitenorden gilt zwar das Gesetz, aber es muss auch in manchen Fällen im Geiste eben des Gesetzes gegen die Anordnung des Buchstabens gehandelt werden.  Das finde ich so toll, dass die Antwort auf die Situation wichtiger ist, als das Gesetz das über diese Situation erlassen wurde.

Frei nach Ali:
„Man hat uns immer applaudiert, als wir das Gefängnis verlassen haben. In Deutschland existiert das gleiche Gefängnis, aber keiner applaudiert. Auch heute vor jedem Bild denke ich an diese sehr schwarzen Momente, ich brauche diesen Druck hinter mir. Der gibt auch Kraft, erinnert, dass es sich lohnt zu kämpfen.“

FF: Man kann Freiheit nicht schützen indem man sie abschafft (von der Piratenpartei glaub ich).

FF: Wie eine Möwe im Wind.

Freiheit in der Kunst:

Freie Szene? Nicht am meisten abhängig/angepasst an marktwirschaftliche Forderungen?

Ali: Die Freiheit selbst ist ein verhandelbares Ding.

FF:  Ein Satz über Freiheit? So schnell geht das nicht.

FF: Beschissen auch, dass Freiheit nie für sich existiert. Also nie frei von dem, wogegen sie antritt. Also sowieso gar nicht frei. Wie bei Friedhelm erwähnt, bei allem FÜR auch ein ebenso großes GEGEN. Und in dieser Abhängigkeit wohl am klarsten definiert. Ich glaube, dass Freiheit in manchen Momenten schärfer umrissen sein kann (wie ein Stück Brot) aber wahrscheinlich auch nur, wenn das, wogegen man damit agiert, auch umso größer aufscheint. Also eigentlich in den unfreiesten Momenten. Das kommt  auch bei Alireza vor, wenn er das Gefängnis in Deutschland als ein schwieriges beschreibt, man lebt in der Freiheit nur um täglich, stündlich die eigene Unfreiheit zu erfahren. Weil das WOGEGEN verschwimmt, besteht der Zwang die “Freiheit“ immer neu und verbissen zu verteidigen, wieder in Definition niederzuringen. Ähnlich ist das auch manchmal bei manchen Kunstverständnissen. Man nehme zum Beispiel scores. Also eine festgelegte Partitur, eine denkbar fixe Form. Und trotzdem kann daraus alles entstehen, die Rezipient_innen haben die größte Freiheit darin nach Sinnzusammenhängen zu stöbern. Auch die Akteur_innen haben in der festen Vorgabe die Freiheit einfach zu folgen (was seltsam oder gefährlich klingt, aber manchmal ist das Folgen ein Genuss) Was für eine Erleichterung in künstlerischer Praxis endlich frei zu sein von dem Zwang originell und überraschend sein zu sollen. Der Hinweis eines Gastes, dass niemand so unfrei ist wie Künstler_innen, weil die immer abhängig sind von Existenz oder Reaktion eines Publikums ist auch in Hinblick auf die bisher gezeigten Stücke des zeitraum exit interessant. Mir kommt White on White mit ihrem Stück All Those Beautiful Boyz wieder in den Sinn. Ist ihr Versuch das anwesende Publikum zu verscheuchen, ihnen ihre Anwesenheit möglichst schwer zu machen, vielleicht eben ein Einfordern der Freiheit, auch ohne Publikum agieren zu können? Also ein Hinweis der Art „wir brauchen euch nicht wirklich, sind nicht angewiesen auf Zuseher_innen!“ eine Einklagen der Freiheit der Kunst für sich? Und natürlich dabei wieder unfrei, weil der Freiheitsanspurch wohl niemals zementiert werden kann, ohne quengelig zu werden. Verflixtes Ding. Plagen Sie sich am besten selbst damit herum.  Daher nun, unten stehend Für Sie zur Verfügung:

FREIRAUM FÜR EIGENE GEDANKEN.

Na?

 


[1] Freie Radikale bezeichnet einen Zusammenschluss dreier Häuser, dem Theater Felina-Areal, dem Theaterhaus TiG7 und zeitraumexit. Die sogenannten Radikaldialoge stellen eine erste  gemeinsame Veranstaltungsreihe dar, zu unterschiedlichen übergeordneten Themen werden Gespräche geleitet und geführt.

Die erste Runde wurde eingeläutet mit dem Anliegen die bereits im Titel angesprochene „Freiheit“ zum Thema zu machen, unter verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und aus differenzierten Denkrichtungen zu befragen. Zusätzlich sollte das Gespräch eine „stärkere inhaltliche Positionierung der freien Szene“  fordern und vorantreiben. Als geladene Gäste stellten der Maler Alireza Varzandeh und der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, Mitglied des ludwigshafener Jesuitenordens, kurz ihre jeweiligen Freiheitsdefinitionen vor. Im Anschluss wurde das Publikum in Kleingruppen eingeteilt und zur Diskussion aufgefordert. Abschließend wurden die unterschiedlichen Diskussionsverläufe wieder in der großen Runde zusammengeführt. Die Moderation übernahm Rita Böhmer.

[2] Friedafritz, im Nachhinein befragt nach Assoziationen zum Begriff der Freiheit

[3] In ihrem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert sie die rasche Aufklärung der „prism“ Affäre.

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