Volle Orgonenenergie, eine Expedition ins Unbekannte

Festivalmitte – die das Festival durchlaufenden Arbeiten habe ich mittlerweile alle mitbekommen, die Räume des zeitraumexit sind hinreichend erforscht. Wir haben auf beinah allen erdenklichen Bänken, Sofas, Stühlen, Treppen schon gesessen in unsere Laptops versunken, gebloggt und übers bloggen berichtet, die Vorbeilaufenden gegrüßt, verschiedene Sorten Kuchen und Experimente wie den „Salbei Smash“ probiert, uns den Kleingarten in Form des Schnapses mit der Nummer 108 einverleibt. Die sozialen Bausätze gefallen so gut, dass ich die Legosteine fast auswendig kann. Nach einem Hörspiel für Erwachsene steht mir nicht der Sinn, also wohin? Exit! Auf ins Getümmel, ins echte Leben für zehn Minuten durch die Stadt dann ins Kino, als hätten wir nicht schon genug Illusion! 15.00 Uhr Vorstellung im Atlantis Kino, Quadrat K2, leicht zu finden, hat noch nicht angefangen, leerer Saal.

“Der Fall Wilhelm Reich” ist auf den ersten Blick kein besonders informativer Kinofilm. In Unkenntnis seiner Theorien versuche ich der Auseinandersetzung mit nachträglich Recherchiertem und den Informationen, die der Film vermittelt, nachzugehen. Die Auseinandersetzung beschränkt sich auf Spärliches aus Reichs Spätwerk, schildert die Reibungsfläche mit U.S.- amerikanischen Instanzen, die ihn als Quacksalber, Kommunist und Sexguru als Gefahr fürs Allgemeinwohl einstufen und ihm immer größere Steine in den Weg legen.

Es wird durchaus unterhaltsam, in Rückblenden, aus dem Gefängnis erzählt. Den dort stattfindenden Dialog zweier Psychoanalytiker, ein Dr. Hamilton soll ein gerichtliches Gutachten über den vermeintlich geisteskranken Reich (gespielt von Klaus Maria Brandauer) erstellen, nimmt der Film zum Anlass mehr die späten Lebensjahre als das Werk eines der wohl umstrittensten Persönlichkeiten der neueren Wissenschaftsgeschichte Revue passieren zu lassen. Leider geht das über eine von Sympathie und Wohlwollen gefärbte Nacherzählung der Biographie nicht hinaus. Dabei interessiert ja mehr was der Typ tatsächlich erforscht hat und weniger, dass er erst ein schlechter Familienvater war, dann versucht ein guter zu werden, aber dafür natürlich zu sehr in seine Forschung vertieft ist, jetzt einen Sohn aus zweiter Beziehung hat mit dem er gelegentlich Ausflüge in die Wüste unternimmt um eine obskure regenmachende Wundermaschine aufzubauen, das er gerne mit dem Hund spazieren geht, sich mit den Nachbarn unterhält, ihnen sogar zum Wunder der Fruchtbarkeit verhilft (erst wird die Frau endlich schwanger, dann regnet es – die Ernte ist gerettet!) um schließlich verlassen von Feinden umringt in seinem Labor zu landen. Als der arme alte Kauz wird Reich hier gezeigt, als der Märtyrer der am Scheitern seiner gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Anerkennung schließlich zu Grunde geht. Die von ihm entdeckte Orgonenenergie die in allem, selbst im Nichts vorhanden sei, ließ sich nicht beweisen, und Einstein verpasste ihm eine Abfuhr, dennoch blieb der Glaube an den sich selbst regenerierenden Körper und die heilende Wirkung des Akkumulators (eine Art Vogelhäuschen für Menschen, von Innen mit Metallplatten ausgekleidet) in Reichs ganzheitlich, wissenschaftlichen Anspruch präsent.

Was mich verärgert ist, dass der Film darauf hinauszulaufen scheint eine platte Moral zu verkaufen wie etwa: „Wenn man nur fest genug daran glaubt und sich seinen Ängsten stellt wird man bestimmt wieder gesund!“

Was außerdem im Dunkeln des Kinosaals abhanden gekommen ist: Reich war Sexualpsychologe, (als würde sein Sohn Peter die ganze Zeit über dabei sein, vermeidet der Film peinlich jede Auseinandersetzung über Sexualität). Was ist mit seiner im Film einfach übergangenen Theorie über Homosexualität, die er als energisch ungesunde Form, gar als Krankheit beschrieben hat? (Zitat aus einem Interview von einer zugegebenermaßen zweifelhaften Website: WR: „Es ist ein Festhalten an einem Nischenverhalten. Aber es ist nicht die Wahrheit, dass sich diese Menschen wohlfühlen. Es ist krankhaft.“) Warum scheint sich die Darstellung so vehement dagegen zu wehren, dass Reich vielleicht auch ein Spinner war?

Stattdessen bekommen wir drei Kinobesucher einen Eindruck von den finsteren Machenschaften des Bösewichtes und Gehirnwäschers Dr. Cameron, dem Vorsitzenden der amerikanischen Psychiatervereinigung neben der FDA (Food and Drug Administration) einige der unzähligen Gegnern, die Reich das Leben und Forschen fast unmöglich machen. Zu Gunsten des Militärs betreibt Dr. Cameron furchtbare Menschenversuche – sein wohl hoffnungslos psychisch kranker Proband, nimmt sich schließlich das Leben. Der unverstandene Doktor Reich hätte den Jungen fast innerhalb einer Sitzung, nur in dem er mit ihm geatmet hat (!) heilen können. Interessant, dass sich der Film einer erst 40-Jahre später aufgetauchte Geheimdienstakte bedient. Cameron war damals Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA („Projekt Artischocke“), das ein von den Nationalsozialisten angefangenes Experiment fortführte. Auch die Verbrennung von Reichs Büchern durch die Staatsgewalt zieht unkommentierte Parallelen. Es verdichtet sich der Eindruck eines fragwürdigen Vergleiches!

Auf ähnliche Weise lassen sich viele weitere Informationen recherchieren, die der Film allerdings nur anzureißen vermag.

Berücksichtigt werden muss, dass sich der Regisseur ausdrücklich den späten Jahren Reichs widmet. Doch wirkt das so entstehende Bild des Psychoanalytikers in unkritische Verehrung verkehrt.

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