Samstag

Die Dame vor den Reisschüsseln nimmt sich heute ebenso viel Zeit für eine Hand voll Gäste, wie sie sich gestern Zeit für mich genommen hatte (seltsam diese Wahrnehmung, denn eigentlich ist es ja man selbst, der sich Zeit nimmt oder nicht, man selbst entscheidet, wie lange man im Raum der „Hourglass“-Performance verweilt). Das Wunder, dass die große, leere Schüssel mit bemaltem Reis sich dank der ausdauernden, fleißigen Malerinnen-Hände langsam füllt, bleibt aus. Erstaunlich wird es bereits sein, sollte der Boden bis Sonntag Abend doch noch bedeckt sein. So ermöglicht „Hourglass“ nebenbei auch ein Gefühl für Verrinnen von Zeit und deren persönliche Wahrnehmung und Einschätzung. Der Titel nimmt darauf zwar Bezug, aber zunächst ging er für mich nicht auf, weil die Zeit sich doch zu sehr von jener unterscheidet, mit der Minuten und Stunden gemessen werden.

Wenn man sich zwischen 17 und 21 Uhr auf dem Platz vor dem Festivalzentrum befindet hört man regelmäßig den Ton, den die Pinzette macht, wenn sie das Reiskorn am Schüsselrand abschlägt. Der Ton ist kurz und klar. Das Geräusch ist unüberhörbar, aber doch in einer Form natürlich und unaufdringlich, dass man davon nicht gestört wird und leicht nicht hinhören kann. Aber das „Kling“ kommt andauernd wieder, ein Zeuge der Arbeit, die im Extra-Raum getan wird. Dieser Klang ist ganz wunderbar, weil er einerseits regelmäßig und unaufdringlich ertönt, wie Rauschen eines entfernten Baches, oder der vereinzelte Ruf eines Vogels, oder Rauschen von Bäumen im Wind,  andererseits aber ist er deutlich unnatürlich. Das Geräusch von Metall auf Porzellan. Das künstliche Geräusche fügt sich ein in die Atmosphäre eines Raumes für Kunst, wie möglicherweise das regelmäßige Läuten einer Kuhglocke von einer Weide zu bestimmten Gegenden gehören mag. Das Geräusch gehört mittlerweile fest zu diesem Ort, es fehlt mir jetzt schon, wenn ich daran denke, dass es ab Montag weiter gezogen sein wird. Und auch darin, im Zugvogel-gleichen Weiterziehen, ist dieses Geräusch spezifisch für Kunst oder das was sie repräsentiert: Raum, für Dinge, die nicht die Pflicht haben, etwas messbares zu produzieren.

Ich erinnere mich daran, dass ich vergessen habe Catherine zu fragen, was nach Sonntag mit dem Reis geschehen wird. Aber ich erinnere mich, dass wir lachend festgestellt haben, dass der sorgsam schwarz-gefärbte Inhalt der einen Schüssel auf jeden Fall nicht mehr genießbar sein wird.

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