sautermeisters morgen, ein gespräch

einige zigarrenzüge und einige fragen, über panzer, träume und erinnerungen und wie das eine in das andere gerät. wolfgang sautermeister wird mir als verantwortlicher koordinator des projektes cold (war – hot) dogs vorgestellt, er fungiert damit in unserem gespräch als fürsprecher des raumlabor berlins.
die zusammenarbeit  mit der für interventionen im stadtraum bekannten gruppe besteht schon seit letztem jahr, damals entstand ein u-boot, das zu wasser gelassen wurde. weil sich die lauten träume auch diesmal im öffentlichen raum bemerkbar machen wollten, lud die festivalleitung das architekt_innenkollektiv für eine weitere zusammenarbeit nach mannheim ein. die künstler_innen folgten der einladung, begaben sich in der stadt auf inspirationssuche und kamen schließlich, gerührt von der geschichte eines us-amerikanischen soldaten der sich am 10. juli 1982 mit  einem M60 A1 in tod und neckar stürzte, auf die idee einen panzer nachzubauen.
dieser soll, in tradition fahrender schaubühnen, wie sie zu zeiten des mittelalterlichen karnevals beliebt waren, durch die straßen gezogen werden. ebenso wie im karneval, in dem die umkehrung gesellschaftlicher sowie sozial-politischer umstände für die zeit des ausnahmezustandes denkbar wurde, versucht der panzer einen zustand auszurufen, indem umbewertungen möglich werden. gleichzeitig erinnert er aber auch schmerzhaft an zeiten mit sehr expliziten, oftmals grauenhaften einschreibungen und deren auswirkungen die bis heute wirken.  die eindeutigkeit des schrecklichen wird durch die offensichtliche ironisierung der kriegsmaschinerie zugleich wieder in frage gestellt, zumindest entsteht der impuls, auch anderen konzeptionen raum zu geben. sautermeister erzählt, dass für ihn das nachgebaute kriegsgerät oftmals eher „wie ein kinderspielzeug“ anmute, an sich hilf- und harmlos, das „wie ein leiterwagen durch die straßen gezogen“ werden müsse. die idee des gezogen-werdens ist ein wunsch des raumlabors, der panzer ist so konstruiert, das versteckte kräfte in seinem innenraum beim schieben helfen können, der vorgang aber den anschein erweckt, das nur der außen ziehende den panzer in bewegung bringe – ein alter mann, der eine kriegsmaschine an der leine führt, sie irgendwie noch willentlich hinter sich herschleppt, sie andererseits aber vielleicht auch einfach nicht loswird – eine bürde, aber vielleicht auch ein aufbruch. mit dem motiv des panzers wird vielen mannheimer_innen ein bereits sehr besetztes motiv wieder in erinnerung gerufen, diesmal aber mit dem anliegen, durch selbstbestimmte annäherung eine andere auseinandersetzung zu ermöglichen. sautermeister spricht in diesem zusammenhang von einer „art zweifachen erinnerung“ die einen gemeinsamen gedächtnisraum etabliert, in dem neben den alten erinnerungen auch brücken zu neuen bildern geschlagen werden können. indem die signifikanten entfesselt werden und frei herumdüsen, sozusagen. ein raum der sich von der vergangenheit auch in die zukunft hinein spannt und die verbindungen offen hält. in diesen zustand, der die möglichkeit bietet neue erinnerungen zu generieren, kommt man vielleicht eben durch den moment des erstaunens, oder der irritation, wie ich ihn schon einige male bei mannheimer passant_innen beobachtet habe. man steht ungläubig vor dem panzer, gleicht ab, die bilder die man hatte mit dem, was man hier plötzlich vor sich sieht: swing musik und diskussionen, anstatt getöse und gewalt. und in diesem abgleich mäandern unsere zuordnungen, werden uns untreu und hoffentlich ein bisschen freier als noch im moment davor. sautermeister geht sogar soweit, die wirkung des panzers als „magie“ zu beschreiben, die beobachter_innen, augen weitend  oder kopf schüttelnd, zur überprüfung des materiellen verführt. mein gesprächspartner erzählt von „fast sakralen momenten der handauflegung“ in denen die erstaunten die realität des gesehenen bestätigen wollen. auch hier wieder der brückenschlag vom als vergangen erinnerten zu der sehr momentanen, silbrig glänzenden, fast spacig anmutenden heutigen oberfläche des panzers.

somit erfüllt sich ein anliegen des zeitraum exit, im öffentlichen raum tätig zu werden. der versuch vergangenes und dessen einfluss auf momentan real-politische geschehen anschaulich zu machen, ist auch bereits auf den plakten der wunder der prärie verbildlicht. zeigt die abbildung doch eine alte seilbahn, die 1975 für die damalige bundesgartenschau erbaut wurde und ebenfalls seltsam futuristisch in der nostalgischen fotografie aufscheint. (für mannheimneulinge wie friedafritz: ja! es gab schon einmal eine buga hier, der momentan erlebte konflikt ist offenbar kein neuer) auch bei den plakaten sei die reaktion vieler betrachter_innen die frage ob dies „ damals tatsächlich so gewesen sei“, oder fotoshop-technischneu hinzugefügt.

laut geträumt stellt also auch fragen nach der notwendigkeit der überprüfung alter träume oder deren wiederauftauchen oder „erscheinen“ in der gegenwart. durchaus fruchtbar erweist sich der neu erschütterte und durchlässig gehaltene erinnerungs- und gedächtnisraum. und auch wenn friedafritz sautermeister zustimmt in der feststellung, „dass eine stadt vom immateriellen lebt“ so ist es dennoch ebenso wichtig, diesen erweiterten gedanklichen konstrukten auch einen realen raum anbieten zu können. oder für daraus gewonnene ideen oder vorschläge die möglichkeit aufzustemmen, sich auch materiell zu manifestieren. was wohl die 49,3% „denkbar knapp“ überstimmten buga-gegner_innen über die wunder der prärie plakate denken? ob es da nicht reale andockstellen gäbe? man nicht aus dem schon einmal erinnertem, nun neu geträumtes basteln könne? sautermeisters handy klingelt, ein festival will organisiert werden. ich bedanke mich. und denke an die frau, der einen panzer hinter sich herzieht. ziemlich viel für eine allein.

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