Festivaleröffnung: Promenade around!

Was als Aufforderung im Square Dance den vier Tanzpaaren am gestrigen Eröffnungsabend galt, habe ich zum Motto meines ersten ‚Wunder der Prärie‘ Abends gemacht. Spaziere herum! Schau dich um, sieh dir dies an und probier das mal! Und prompt hielt ich einen Marshmallow am Schaschlickspieß in der Hand, liebevoll in eine Papiertüte eingepackt, mit einem langen Streichholz versehen. Trotz Regennaß erklärt mir das amerikanische Give-away die Grillsaison für noch nicht beendet – und sowieso wird in Amerika doch zu jeder Jahres- und Tageszeit gegrillt. Also wieso dann nicht hier und jetzt, in einem verregneten Hinterhof in Mannheim? Ich fackele ein bisschen an dem weichen, weißen Grillgut herum und erinnere mich an das Smores-Set meiner Gastschwester in Alabama. http://en.wikipedia.org/wiki/S’more

Doch schon erlischt das Streichholz und ich ahme meinen Nebenmann nach und stopfe mir den etwas klebrigen Klumpen in den Mund. Amarican Dream, here I am. Jetzt kann geträumt werden!

Ich promeniere also ein bisschen umher und lasse mir erklären, wie man zu Dolly-Partons „Island in the Sun“ und zu Johnny Cashs „Ring of Fire“ richtig im Quadrat tanzt. Es gibt da einen Caller, der Mann mit dem Mikrophon im Karohemd, der im Original American Accent (weil er Original Amerikaner ist) abwechselnd Dolly-Parton intoniert und Anweisungen an die TänzerInnen durchgibt. Ein Hin und Her zwischen gesungenem Sprechen („Now turn to the left and promenade the girl around, circle…“) und gesprochenem Singen („Islands in the Sun, that is what we are, sail away with me…“). Die Tänzer müssen simultan die Anweisungen des Callers in komplexe Figurenfolgen übersetzen und nach links und rechts drehen, den Partner wechseln, in die Hände klatschen und dabei nicht die Orientierung verlieren. Ich bekomme Lust, mitzumachen, auch mal zu Dolly-Parton-Regieanweisungen und Johnny-Cash-Choreographie tanzen. Aber leider habe ich keinen so schönen Pettycoat an und drei Taschen um meinen Hals herum baumeln, inklusive dem Marshmallowpapier in meiner Hand. Das würde schwierig werden.

Also wandele ich noch ein wenig weiter, vorbei an den Fernsehbildschirmen von „Clarenville“, einer Miniaturwelt die auf einer Schallplatte kreist und mit feinem Fingergefühl von den beiden Performern Jost von Harleßem und Hanke Wilsmann später zum Leben erweckt wird. Halbwegs tänzerisch navigiere ich mich durch die Zuschauertrauben und steuere den Konzertsaal an. Auf dem Programm steht „Every Song I’ve Ever Written“. Was wir zu hören bekommen ist ebendies: jeden Song, den Jacob Wren jemals geschrieben hat, von seinem 14. bis zu seinem 28. Lebensjahr. Blatt für Blatt, Jahr für Jahr und Erinnerung um Erinnerung schälen sich langsam von seinem Notenständer, segeln herab und bedecken immer größere Teile des Bühnenbodens, wie draußen schon das erste Herbstlaub den Asphalt beklebt. Manche der Notenblätter, das verheimlicht uns Jacob nicht, sind dafür aber noch recht grün hinter den Ohren und erzählen von zerstörerischen Liebesbeziehungen, die Jacob bis dahin noch gar nicht gehabt hatte. Beim 17. Lebensjahr verlasse ich Jacobs Jukebox erst einmal wieder, denn Liebeskummermusik macht hungrig.

Oben in der Kantine bei den sozialen Bausätzen von Ricarda Franzen und Robert Schön können ausgewählte Hörstücke in verschiedenen Menüs geordert, belauscht und in Legosets verbaut werden. Die spielhungrigen BesucherInnen nehmen dabei an einer langen Tafel Platz, die Kopfhörer auf den Ohren und basteln auf ihren Tabletts fröhlich vor sich hin. An einem kleineren Tisch gegenüber hat sich Chun Hua Catherine Dong mit zwei großen Reisschüsseln eingerichtet und lädt ein mit ihr gemeinsam den weißen Reis aus der einen Schüssel schwarz bepinselt in die andere Schüssel zu balancieren. Unten in der Festivalbar Kaprow gibt es derweil Stullen, heißen Ingwertee, kalte Sodas und vieles mehr. Mein Blick schweift über das Portrait des amerikanischen Künstlers Allan Kaprow (1927-2006), Begründer des Happenings und Namensgeber der Festivalbar, der dort still die Sofaecke überblickt. Trotz seiner amerikanischen Wurzeln bevorzuge ich aber nach wie vor die osteuropäische Aussprache à la ‚Kaprov‘ gegenüber der amerikanischen ‚Keprouh‘ Version. Obwohl ich gegen Johnny Cash und Dolly Parton, die von draußen hereinwehen, rein gar nichts einzuwenden habe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s