Erlebte Gedanken vom Mittwoch, 18. 9.

Wunder der Prärie wird eröffnet, Jacob Wren auf Englisch angekündigt und ein Mann Anfang Vierzig betritt die Bühne mit vorbereiter E-Gitarre, E-Piano, Mikros und Verstärker. Er saß schon tagsüber im Festivalcafé über seinen Laptop gebeugt: Ein freundlich aussehender, vollbärtiger Mann, Typ knuddliger Bär. Er verkündet, dass er heute jeden Song spielen werde, den er jemals geschrieben habe. Das war „damals“, im Alter von 14 bis 28 Jahren. Genau das wird er beinahe fünf folgende Stunden ohne Unterbrechung tun. Das Publikum wandert weiter, Herr Wren spielt und erzählt kleine Anekdoten zu den Songs beziehungsweise zu seinem jüngeren Ich, des jeweiligen Songs. Das Publikum kehrt teilweise zurück, einzeln kristallisieren sich Fans heraus die stundenlang zuhören, manchmal kommen auch neue Gesichter zu dieser Konzert-Performance. Jacob Wren beginnt den ersten Festival-Abend und endet als letzter. Währenddessen laufen rundherum Performances zu denen man sich gesellen darf und die man ohne Probleme auch wieder selbständig verlassen kann oder wieder betreten kann. Wunder der Prärie lässt damit konsequent seinem Konzept Taten folgen und führt einen Festivalrahmen vor, der Utopien für eine Stadt als kulturellen Spielplatz inszeniert. Die Besucher dieser Kunstwelt dürfen zu Flaneuren werden und zu Mitgestaltern.

 

So schaut man eine Weile der konzentrierten und sehr freundlichen Chun Hua Catherine Dong („Hourglass“) beim einzelnen Bemalen von Reiskörnern und beim Plaudern mit Helfer_innen aus dem Publikum zu. Dann dreht man sich um und bewundert einige entstehende soziale Lego-Bausätze, die Zuschauer gerade fertigen. Meist sind dies zwar simple Häuschen, aber manchmal erwischt man doch den einen oder anderen, der sich die Zeit nimmt und das ganze Hörspiel hört (was bei der Aufmerksamkeitsspanne, die hier weitestgehend auf ein kindliches Niveau heruntergefahren wird, dadurch dass überall so viel „los“ zu sein scheint. Interessanterweise entsteht dies beinahe alleine durch die Anzahl der Performances, denn diese selbst leben durch ihre Dauer, Kontinuität und Kontemplativität. Verständlich, dass ich relativ schnell kaum noch anwesende Kinder sehe, werden hier doch durch Reizüberflutung im ersten Moment Erwartungen aufgebaut die im zweiten gebrochen werden und ein Sich-Einlassen einfordert. Aber selbst diese Forderung ist verhalten und manifestiert sich nicht laut, zum Beispiel sagt Chun Hua Catherine Dong erst nach einer Weile, nachdem ich frage, dass sie es nicht schaffen wird, alleine die angestrebte Menge Reis schwarz zu bemalen, sondern dass sie fleißige Hilfe benötige. Durch Menschen, die sich freiwillig zu ihr setzen eben. Das Theater, das wir hier überall sehen, wird damit eher zu einem, das kein aufgepfropftes ist, sondern ein tolerantes, das man in seinem natürlichen Habitat, seinem selbstverständlichen State-of-Mind beim Sein beobachten kann. Oder eben auch nicht, was bald viele Zuschauer wahrnehmen und lieber Social Networking betreiben und damit für eine latent über dem Festivalplatz (voll mit Menschen) schwebende Kritik an sich selbst sorgen, während Jacob Wren nervös lachend erzählt, dass seine Performance für ihn selbst „too painful“ sei (etwa sechs Zuschauer hören ihm dabei gerade zu), als dass er sie jemals wiederholen könnte. Keiner lacht mit. Aber schließlich ist dies Performance-Theater-Berufsrisiko, dass Mr. Wren auch gleich mitthematisiert, wenn er meint, dass er die herausströmenden Zuschauer verstehen könne, schließlich seien seine Songs aus talentfreier Teenager-Feder auch unerträglich.) und dann entstehen Gebilde die nicht beim ersten Gedanken kommen: Materie werdende Utopie, Genuss, auch Denken, vielleicht sogar Kunst, das braucht eben Zeit. Wer sich die Legobastler anschaut, bekommt dies direkt aus Zuschauerhand vorgeführt. Wunder sind hausgemacht. Dies schimmert schön und traurig durch diesen gelungene Eröffnungsabend.

 

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s